Wenn grauer Strom plötzlich „grün“ wird

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Enervie-Zertifikat „nicht empfehlenswert“

Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt
Johann Tetzel, Ablasshändler

Enervie erzeugt nach wie vor Strom aus überwiegend fossilen Quellen wie beispielsweise im Steinkohlekraftwerk Werdohl. Trotzdem behauptet der Hagener Energieanbieter, er beliefere seine Kunden über die konzerneigenen Vertriebsgesellschaften Mark-E und Lüdenscheider Stadtwerke nur noch mit „grünem Strom“. Wie kann das sein?

Kritiker nennen das Verfahren, das hier zur Anwendung kommt, „greenwashing“. Der Begriff kommt irgendwie nahe an Geldwäsche heran und funktioniert auch so ähnlich; grauer Strom kann mittels Buchungstricks in „grünen“ verwandelt werden.

Es ist eine Methode, die an die mittelalterliche Praxis des Ablasshandels erinnert und inzwischen von vielen Energieanbietern mit konventionellem Hintergrund angewandt wird, um sich ein „grünes“ Image zu verschaffen.

Die Verbraucherzentrale Niedersachsen hat sich aktuell eingehender mit der Thematik beschäftigt (Marktwächter Energie, pdf):

Bei dem Kriterium Stromherkunft geht es darum aufzuzeigen, aus welchen Energiequellen der Strom bezogen wird. Man möchte meinen, dass der grundsätzliche Anspruch jedes Ökostrom-Labels darin besteht, dass der gelieferte Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammt.

Genau mit dieser Selbstverständlichkeit werben auch die meisten Versorger: Auf deren Internetseiten finden sich Werbeslogans wie „Zu 100 Prozent Ökostrom“ oder „Unser Ökostrom wird vollständig aus regenerativen Energiequellen gewonnen“.

Tatsache ist jedoch: Wer einen Stromliefervertrag mit einem Ökostrom-Anbieter abschließt, erhält nicht ausschließlich Strom aus regenerativen Kraftwerken.

Zum einen ist dies rein physikalisch gar nicht möglich, da kein separates Netz für Grünstrom vorhanden ist. (…) Zum anderen besagt die Aussage „100 Prozent Ökostrom“ in den meisten Fällen nicht, dass ein Energieversorger auch tatsächlich Strom aus regenerativen Erzeugungsanlagen erworben hat.

Hintergrund ist der Handel mit so genannten Herkunftsnachweisen, die es ermöglichen, die grüne Eigenschaft des Stroms auch auf Strommengen aus anderen Energiequellen zu übertragen. Strom, der eigentlich aus fossilen Energieträgern stammt, kann somit ganz legal als Ökostrom verkauft werden. (…)

Seit Januar 2013 darf ein Energieversorger sein Produkt nur dann als Strom aus erneuerbaren Energien kennzeichnen und auf der Stromrechnung ausweisen, wenn er für die gelieferte Menge Ökostrom auch Herkunftsnachweise vorweisen kann, das heißt, wenn er eine entsprechende Menge bei einem Erzeuger erworben hat. (…)

Ein wichtiges Merkmal von Herkunftsnachweisen ist die Tatsache, dass die Dokumente auch getrennt von der dazugehörigen Strommenge gehandelt werden können. Der ökologische Mehrwert des Stroms wird also sozusagen abgespalten und einzeln vermarktet.

Die Folge: Der ursprüngliche Grünstrom verliert seine „grüne Eigenschaft“ und wird als Graustrom ins Netz eingespeist. Gleichzeitig kann die Beschreibung „Strom aus erneuerbaren Energien“ mithilfe der Herkunftsnachweise auf andere Strommengen übertragen werden.

Im Extremfall kann das bedeuten, dass ein Ökostrom-Anbieter seinen Strom ausschließlich aus Kohle- und Atomkraftwerken bezieht, ihn dank der Herkunftsnachweise jedoch als Ökostrom kennzeichnen darf.

Ein Blick auf das „Kraftwerksportfolio“ des Labels „RenewablePLUS“ des von Enervie beauftragten privaten Anbieters – den die Hagener für seine Bescheinigung natürlich bezahlen müssen – zeigt ausschließlich norwegische Wasserkraftwerke, die sich mit derartigen „Herkunftsnachweisen“ ein schönes Zubrot verdienen können.

Die Gesamtkapazität dieser Kraftwerke liegt bei gut 1.700 MW. Die Enervie-Tochter Mark-E alleine hält nach Angaben des Unternehmens mit eigenen Kraftwerken schon 1.300 MW Leistung vor und der Erfinder des Zertifikats hat natürlich noch eine Reihe von anderen Kunden.

Konsequenterweise wird „RenewablePLUS“ von der Verbraucherzentrale Niedersachsen daher auch als „nicht empfehlenswert“ eingestuft. Das Unternehmen, das hinter diesem merkwürdigen Erneuerbaren-Testat steht, hält aber auch nicht lange mit seinem speziellen „Mehrwert“ hinter dem Berg.

Auf seiner Homepage kommt es schnell und unverblümt zur Sache: „Positionieren Sie sich mit RenewablePLUS als ökologisch orientiertes Unternehmen, das auf eine nachhaltige und zukunftsorientierte ökologische Stromproduktion wert legt. Nutzen Sie exklusiv im Rahmen von RenewablePLUS unser vielfältiges Marketingpaket.“

Das ist genau des Pudels Kern: Nicht ein ökologisch orientiertes Unternehmen sein, sondern sich als solches positionieren. Ein Angebot, das Enervie gerne in Anspruch nimmt. Und wenn es sein muss: Mit Hilfe von Ablasszetteln.

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