Bonjour tristesse!

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Der Bahnhof Oberhagen als Sinnbild einer verfehlten Politik

Bf.Oberhagen.2016Eingang zum Oberhagener Bahnhof im Jahre 2016. Ein vergammeltes Loch, garniert mit typischen Ingredienzien Hagener Stadtgestaltung: Feuerwehrpfosten, Waschbetonwürfel, abblätternder Putz, unvermeidliche Reklametafel, zugeköterte Baumscheiben und Schaltschranktüren eines Hochhausmonstrums. Links oben noch das Logo der Deutschen Bahn – genauso wie der Stadtrat schämen sich die Verantwortlichen des bundeseigenen Verkehrskonzerns für gar nichts mehr. Foto: DW

Öffentlicher Personenverkehr wird in Hagen von den Verantwortlichen seit langem vor allem als Störfaktor gesehen. Die einzige Ausnahme bildet in dieser Betrachtungsweise der Hauptbahnhof; vermutlich, weil unsere Hochwohlgeborenen den schon mal selber nutzen müssen (das Auto ist gerade in der Werkstatt) oder ihr Besuch darüber anreist.

Während in vielen anderen Städten die Vorteile des ÖPNV als förderlich für eine zukunftsgerichtete Politik erachtet werden, wird die öffentliche Personenbeförderung in der Volmestadt nur als Kostgänger betrachtet, den man möglichst kurz halten muss.

Ein anschauliches Beispiel für dieses Denken ist der Oberhagener Bahnhof, der sich nur noch als vergammeltes Loch im Bahndamm präsentiert. Ein Zustand, der inzwischen seit über 40 Jahren anhält und einer gemeinsamen Untätigkeit und Unfähigkeit von Stadtpolitik, Verwaltung und Bahn zu verdanken ist.

Während die Hagener Entscheider seit langem mit ideologischen Scheuklappen auf Autovorrang-Politik setzen, freundeten sich die Bahnmanager (Stichwort: Mehdorn) mit dem von der Bundesregierung angestrebten Börsengang an. Das Rathaus pumpte lieber noch das letzte Geld (das genaugenommen gar nicht mehr vorhanden war) in die Bahnhofshinterfahrung. Und die Bahn kürzte zusammen, was das Zeug hielt, um den Börsenzockern genehm zu sein, und ließ ihre Anlagen verrotten.

Eines der ältesten Opfer dieser Fehlsteuerung ist der Bahnhof Oberhagen, dessen Niedergang schon vor Jahrzehnten begann, obwohl er eigentlich das Potenzial zum südlichen Eingangstor der Hagener City hätte. Die Verknüpfung mit dem Busverkehr ist vorhanden und interessante Ziele liegen im fußläufigen Einzugsbereich: Das Elbers-Gelände mit gastronomischen und kulturellen Angeboten („Theater an der Volme“), die Musikschule, die Stadtbibliothek. Ebenso Unternehmen und weitere gastronomische Betriebe im Umfeld der Frankfurter Straße.

Wenige Meter weiter beginnt das Zentrum mit der Fußgängerzone, die vom Oberhagener Bahnhof aus für Besucher aus dem Hagener Süden, aus Schalksmühle oder Lüdenscheid schneller zu erreichen wäre als vom Hauptbahnhof. Aber wer will schon unter den gegebenen Umständen dort aussteigen?

Empfangen wird der Reisende mit einem heruntergekommenen Bahnsteig und einem versifften Loch, das seit Jahrzehnten vor sich hin rottet. Weiter geht es über die ehemalige Hauptachse Frankfurter Straße, die nach ihrem schon länger zurückliegenden Bedeutungsverlust als Durchgangsstraße nicht etwa in einen fußgängerfreundlichen Boulevard verwandelt wurde, sondern ein trauriges Dasein als Parkwüste fristen darf.

Selbst die in die Jahre gekommene Bahnhofstraße gibt als Verbindung vom Hauptbahnhof zur Innenstadt ein besseres Beispiel ab. Eine gut frequentierte Meile mit einem angemessen breiten Gehweg wenigsten auf einer Seite.

Der Oberhagener Bahnhof und seine Anbindung an das Zentrum sind dagegen klassische Beispiele verfehlter Stadtplanungen, von denen es in Hagen so viele gibt. Dabei begann die Geschichte des Bahnhofs Oberhagen mal ganz anders.

BF.Oberhagen.um 1912Noch zeitlos: Das Bahnhofsgebäude kurz nach seiner Fertigstellung. Foto: Zeitgenössische Ansichtskarte, um 1912

Jetzt schon mit Uhr: Bahnhof Oberhagen Mitte der 1920er Jahre. Foto: Ansichtskarte, ca. 1925

Bf. Oberhagen 1925Die Strecke Richtung Lüdenscheid verlief nach ihrem Bau Mitte der 1870er Jahre durch die Stadt, was naturgemäß Probleme mit den zahlreichen Straßenkreuzungen mit sich brachte. Im Jahr 1906 begann deshalb der Bau des Goldbergtunnels, der vier Jahre später vollendet wurde.

Wegen veränderter Höhenunterschiede wurde daraufhin auch der Bahnhof Oberhagen anders organisiert. Ein neues Empfangsgebäude wurde errichtet, in einer für die damalige Zeit typischen Architektur mit einem kleinen Bahnhofsvorplatz davor.

Zeitgenössische Abbildungen zeigen ein liebevoll gestaltetes Ambiente, das das Zeug zu einem qualitätsvollen Entrée in den südlichen Bereich der Innenstadt hatte. Hier stieg das reisende Publikum sicher gern ein oder aus.

Der Bahnhof überdauerte sogar den Zweiten Weltkrieg. Das Dach war zwar weg, wie Luftbilder aus dem Jahre 1952 belegen, aber das Gebäude stand. Bis Anfang der 1970er Jahre. Dann kam das Abbruchkommando, um den Bahnhof flachzulegen. An seiner Stelle entstand eine blaue Kiste, eine Wohnmaschine; ein Spekulationsobjekt, das aktuell für 2,8 Millionen Euro zum Verkauf angeboten wird.

Noch bis in die 1970er Jahre hielten in Oberhagen Eilzüge (die heutige Entsprechung wäre Regionalexpress), die in Richtung Süden nach Lüdenscheid, Gummersbach und Köln fuhren, in Richtung Norden nach Dortmund und Münster. Aber das Oberhagener Loch signalisierte den Fahrgästen nur: Wir wollen Euch nicht. Und so wurden diese schnellen Verbindungen eingestellt.

Der Märkische Kreis bemüht sich seit längerer Zeit darum, den verbliebenen Bahnverkehr auf der Volmetalbahn Richtung Hagen auf einen 30-Minuten-Takt zu verdichten. Von den Hagener Stadtfürsten ist eine solche Initiative nicht bekannt. Die setzen weiterhin auf den Autoverkehr, um ihre geliebten, aber mit immer noch zahlreichen Leerständen mehr schlecht als recht laufenden Einkaufsgalerien mit Kundschaft zu füllen.

Es ist die Politik eines mit recht übersichtlichen Kapazitäten ausgestalteten Provinzlertums, das lieber Luftbelastungen durch Feinstaub und ähnliches in Kauf nimmt als sinnvolle Strategien zur Zukunft der Stadt zu entwickeln.

Aus diesem Grund findet sich auch nach mehr als 40 Jahren an der Stelle des Oberhagener Bahnhofs noch immer nur ein Loch. Ein Sinnbild des Versagens Hagener Stadtplanung – bonjour tristesse, bonsoir tristesse!

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