Man spricht deutsh

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Tagesordnungspunkt 4.6 der letzten Ratssitzung des Jahres 2015 – die FDP-Fraktion hatte eine Idee: Die klamme Stadt Hagen solle es doch mal mit Crowdfunding versuchen, um ihre Haushaltslöcher zu stopfen.

Crowd was? fragten sich zwei Herren, und es handelte sich dabei nicht um jene, die nicht nur Kindern als Waldorf und Statler aus der Muppet Show bekannt sind. Das Protokoll der Sitzung vermerkt jedenfalls zwei Wortmeldungen:

Herr Thieser bittet um die Übersetzung des Wortes „Crowdfunding“ ins Deutsche.

Herr Wisotzki verweist darauf, dass die Amtssprache Deutsch ist und Anträge in deutscher Sprache abgefasst werden sollten, um Diskussionen, wie diese, zu vermeiden.

Nun hätten sich die Herren bereits vorab schlau machen können. Sie hätten den Begriff einfach in die bekannte Suchmaschine eingeben können und wären schnell fündig geworden. Voraussetzung ist natürlich, dass man schon vor Beginn der Sitzung einen Blick in seine Unterlagen wirft.

Bei Wikipedia beispielsweise hätten die Herren lesen können:

Crowdfunding gilt eher als Variante für die Finanzierung von Nischen-Projekten. Diese Beteiligungen verbriefen einen Anspruch auf einen Anteil am Unternehmensgewinn sowie häufig auch am Verkaufserlös und können verkauft werden.

Für diese Leistung erhält der Crowdfunder eine Gegenleistung, die verschiedene Formen annehmen kann (z. B. Rechte, Geld, Sachleistungen), aber stets einen monetarisierbaren Wert hat.

Und dann hätten die Herren bemerkt, dass es sich bei dem in dem Antrag beschriebenen Anliegen nicht darum drehte, Kapital für eine rentierliche Investition einzusammeln. Sie hätten bemerkt, dass der Vorschlag der FDP nur auf eine modernisierte Form der Bettelei hinausläuft.

Wenn sie das erkannt hätten, wäre die logische Konsequenz eine grundsätzliche Kritik an der Finanzsituation der Stadt gewesen. Aber die darf man von den beiden Herren wirklich nicht erwarten. So blieb nur Sprachkritik.

Formulierungen aus eigenen Anträgen werden dabei gnädig übersehen. Welcher Bürger versteht schon folgendes: „Aufnahme des og.Tagesordnungspunktes gem. §6 Abs. 1 (GeschO)“? Das dichtete die Fraktion der genialen SPD-Linguistiker in einem Antrag derselben Ratssitzung. Aber die Bürger müssen ja auch nichts verstehen, vor allem nicht mehr als ihre vermeintlichen Vertreter.

Waldorf und Statler (s. o.) bringen das eigentliche Selbstverständnis so einiger ratseigener Lautsprecher auf den Punkt:

Eine Antwort to “Man spricht deutsh”

  1. Motambo Zulu Says:

    Eine Nutzung der bekannten Suchmaschine hätte auch schnell ergeben:

    § 6 – Vorschläge zur Tagesordnung

    (1) Vorschläge zur Tagesordnung von einem Fünftel der Ratsmitglieder oder einer Fraktion werden in die Tagesordnung aufgenommen, wenn sie spätestens 9 Kalendertage vor dem Sitzungstag beim Oberbürgermeister eingehen.
    Die Vorschläge sollen eine ergänzende Erläuterung und, wenn möglich, einen Beschlussvorschlag enthalten.

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