Rückblende: Die Unwirtlichkeit unserer Städte

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MitscherlichVor fünfzig Jahren erschien „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ des Frankfurter Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich. Das Buch von 1965 wurde rasch zu einem Klassiker in der Bundesrepublik der Neubauten, mit zahlreichen Auflagen und über 200.000 verkauften Exemplaren.

Was drücken die Neubauten in den westdeutschen Städten aus? Worin beeinflussen sie ihre Bewohner, im Guten wie im Schlechten? Welche politischen Konsequenzen müßte man daraus für die Zukunft ziehen – die Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden in unseren Städten?

Auf diese Fragen gab Alexander Mitscherlichs „Pamphlet“, wie er selber es nannte, Antworten, die Städtebauer beschäftigt, Architekten angeleitet, Studenten auf die Straße getrieben haben. Es sind Fragen und Antworten, die heute die Vorgeschichte unserer Gegenwart verständlich machen.

Die Auswirkungen der Stadtplanung für eine demokratische Gesellschaft sah Mitscherlich völlig illusionslos: „Man pferche den Angestellten hinter den uniformierten Glasfassaden dann auch noch in die uniformierte Monotonie der Wohnblocks, und man hat einen Zustand geschaffen, der jede Planung für eine demokratische Freiheit illusorisch macht.“

„Unsere Städte und unsere Wohnungen sind Produkte der Phantasie wie der Phantasielosigkeit, der Großzügigkeit wie des engen Eigensinns. Da sie aus harter Materie bestehen, wirken sie auch wie Prägestöcke; wir müssen uns ihnen anpassen. Und das ändert zum Teil unser Verhalten, unser Wesen. Es geht um einen im Wortsinn fatalen, einen schicksalsbildenden Zirkel: Menschen schaffen sich in den Städten einen Lebensraum, aber auch ein Ausdrucksfeld mit Tausenden von Facetten, doch rückläufig schafft diese Stadtgestalt am sozialen Charakter der Bewohner mit.“

Stadtplaner und Bauherren sähen statt mündiger Bürger nur noch ein „wohnungsheischendes Abstraktum“. „Machen nicht unsere Städte, wenn man nicht in ihnen zwischen Büro, Selbstbedienungsladen, Friseur und Wohnung funktioniert, sondern sie betrachtet, als spaziere man in der Fremde umher – machen sie dann nicht depressiv?“

Zum 100. Geburtstag Alexander Mitscherlich schrieb 2008 die Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Trotz Mitscherlichs farbigen Vergleichen mit historischen Städten war er weit entfernt vom Konservatismus beispielsweise seines Zeitgenossen Wolf Jobst Siedler, der 1964 in seinem Bestseller „Die gemordete Stadt“ die Rückkehr zur alten Stadtstruktur forderte.

Mitscherlich propagierte im Gegenteil einen modernen aufgeklärten Städtebau, der statt „geplanter Slums, die man gemeinhin sozialen Wohnungsbau nennt, kühn in die Höhe konstruierte, melodisch statt monoton komponierte“ Quartiere schaffen müsse.

Die Wurzel allen Übels sah Mitscherlich im Privateigentum an Grund und Boden samt dem resultierenden Spekulantentum. „Der Autor ist sich im klaren, dass ein Volksaufstand zu befürchten wäre, wenn eine starke Gruppe seine These von der Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden sich zu eigen machte.“

Als drei Jahre später Hausbesetzungen die Städter aufschreckten und keine Studentendemonstration ohne Parolen gegen Spekulantentum auskam, verwirklichte sich, was Mitscherlichs Untertitel „Anstiftung zum Unfrieden“ gefordert hatte.

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