Kein Grund zum Feiern

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50 Jahre WDR Fernsehen

Ab dem 17. Dezember 1965 soll alles anders sein: neu, anspruchsvoll, kreativ. Fernsehdirektor Werner Höfer verkündet ein neues Programm – das „Westdeutsche Fernsehen“, kurz WDF. Es soll die regionale Berichterstattung in Nordrhein-Westfalen vertiefen, den gefürchteten „Bildungsnotstand“ durch lehrreiche Programme vertreiben und mit neuen Sendungen experimentieren.

Das für „interessierte Minderheiten“ konzipierte Programm sendet nächtliche Diskussionen mit unbegrenzter Sendezeit, experimentelle Spielfilme – und sogar 62 Folgen eines Russischkurses laufen in der Hochzeit des Kalten Krieges. Die Begleitbücher zur TV-Sprachschule sind nach zehn Tagen Zeit ausverkauft.

So beschreibt der WDR die Anfänge seines regionalen Fernsehprogramms, das vor 50 Jahren auf Sendung ging. Davon ist leider nicht viel übrig geblieben.

So kann von einer „Vertiefung der regionalen Berichterstattung“ schon lange keine Rede mehr sein – im Gegenteil: Es ist eine zunehmende Verflachung zu konstatieren; das Programm ist weitgehend austauschbar mit anderen Kanälen und somit unspezifisch geworden.

Das abendliche „Flaggschiff“, so würde es wohl der WDR nennen, die Aktuelle Stunde beginnt mit Nachrichten aus aller Welt, wie sie auch in der ARD-Tagesschau oder der ZDF-Heute-Sendung präsentiert werden. Es folgen lodernde Großfeuer, tödliche Unfälle, Razzien im Rockermilieu und ähnliche verfilmte Meldungen aus dem Polizeibericht.

Berichte und Beiträge zur Landespolitik sind eher selten vertreten und häufig nur im Nachrichtenüberblick zum Schluss der Sendung zu erspähen. NRW-Kulturereignisse finden praktisch nicht statt. Einzig das nordrhein-westfälische Wetter erfährt noch eine tägliche Beachtung.

Noch magerer stellen sich die Inhalte der Lokalzeit Dortmund dar. Präsentiert von permanent mitfühlenden Moderatoren darf in keiner Sendung irgendeine Lappalie des schwarzgelben Fußballkonzerns fehlen. Es folgen ergreifende Tier- und Krankengeschichten, Gartentipps und Live-Berichte von Kirmes, Weihnachtsmarkt und ähnlichem. Nachrichten aus der Region werden in der Regel nur in Kurzform in einem Überblick gesendet. Politik scheint – Ausnahmen bestätigen die Regel – im östlichen Ruhrgebiet nicht stattzufinden.

Das einzige landespolitische Magazin, eine halbe Stunde Westpol am Sonntag, fällt im Umfeld von Feiertagen und während der Schulferien großflächig aus. Mit solchen Dingen möchten die WDR-Macher das Publikum wohl nicht weiter belästigen.

Das übrige Programm bietet überwiegend das obligatorische Sammelsurium aus Quiz, Kochsendungen und Boulevard. Vom ursprünglichen Bildungsauftrag ist nur noch Ranga Yogeshwars populärwissenschaftliches Magazin Quarks & Co geblieben. Als oberste Prämisse scheint ausschließlich der Kampf um die Quote vorgesehen zu sein.

Für diejenigen, die noch das „Dritte Programm“ früherer Zeiten kennen lernen durften, ist der 50ste Jahrestag seiner Gründung kein Grund zu feiern, sondern Anlass mit Wehmut zurückzublicken.

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