Der Ton wird böser in Hagen – meiner auch

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von Christoph Rösner

Nun habe ich in den vergangenen Tagen aufmerksam und mit einiger Verblüffung die in der WP/WR vom stellvertretenden Redaktionsleiter Martin Weiske veröffentlichen „Fakten“ und „Daten“ zur Spardiskussion um das Hagener Theater verfolgt und mich, nicht zum ersten Mal, angemessen und blutdrucksteigernd echauffiert.

Mir scheint, dass sich Herr Weiske in seinem journalistischen Selbstverständnis inzwischen nicht mehr zu schade ist, sich als führender Lohnschreiber der Politik in Hagen selbst zu entlarven. Offensichtlich hat er sich entschlossen, das journalistische Basiswissen konsequent zu ignorieren, dass da unter anderem lautet, Berichterstattung und Kommentar scharf zu trennen.

Gut, jetzt kann man argumentieren, dem Blatt gehen scharenweise die Abonnenten flöten, und die Untergangspanik lässt es da opportun erscheinen, mal verbal so richtig auf die Kacke zu hauen und das journalistische Handwerk zu vergessen, um wenigstens den kargen Leserrest mit noch mehr Stammtisch und noch mehr Straße bei der Stange zu halten.

Aber so geht das nicht, Herr Weiske!

Ich frage mich ernsthaft: welche Strategie verfolgt Herr Weiske hier? Indem – ja, ich sage es so, wie ich es empfinde – er in beinahe tumber Dreistigkeit via Tageszeitung dem Theater und seinen Machern „fehlende Kreativität“, „uninspirierte“ und wahlweise „tumbe“ Abwehrhaltung attestiert? Einer Institution, die schon per definitionem Kreativität, Inspiration, Offenheit und Toleranz, und nicht nur im künstlerischen Bereich, atmet wie keine andere?

Wunderbarte Attribute, mit denen jeder Politiker, so er sie denn in sich vereinen würde, wie eine leuchtende Fackel vorangehen und Hagen aus dem Dunkel führen könnte?

Warum dieser ins Boshafte abdriftende Tonfall eines schreibenden „Bulldozers ohne Fingerspitzengefühl“?

Und selbstverständlich gibt es da noch den Stadtkämmerer „mit hoher Empathie“ fürs Theater, oder wahlweise dem „passionierten Besucher“ des Hauses, das Herr Weiske gerne und bis zum Erbrechen in diesem auffällig abfällig-ironischen Ton als „Musentempel“ diffamiert.

Dieser Biologe mit seiner ungesunden Nähe zur Stadtkasse, der sich nicht zu schade ist, in inoffiziellem, erlauchtem Kreise – und selbstverständlich nicht autorisiert und Herrn Weiske in die Feder diktierend – sich selbst die Maske herunterzureißen, wenn er, basierend auf einer persönlichen Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis zu dem Ergebnis kommt, dass keiner seiner Freunde und Bekannten das Theater ernsthaft vermissen würde.

Geradezu lächerlich, wenn´s nicht so traurig wäre!

Dass es im Augenblick gesellschaftlich wie kulturell Spitz auf Knopf steht, sollte selbst bis in die Redaktionsräume von WP und WR vorgedrungen sein.

Und auch wenn sich Hagen ganz sicher nicht als das Refugium der Eliten und des Intellekts in Deutschland hervortut, sollten hier die schreibenden Vertreter der Restzeitung sich nicht selbst als tumbe Sprachröhrchen der Stammtischbrüller und Proll-TV-Glotzer gerieren.

Im Gegenteil! Gerade von ihnen kann, ja, muss erwartet werden, dass sie als mediale Speerspitze den Erhalt des Theaters mit allen kreativen Mitteln verteidigen, mit der Macht ihres kraftvoll, inspirierenden Wortes dazu beitragen, dass eine neue, positive Stimmung für das Theater und seine Menschen in dieser Stadt entstehen kann.

Das wäre die klare, unmissverständliche Positionierung einer Lokalzeitung, die ihren Namen verdient.

Vermutlich würden noch mehr Stammtischschwafler ihr Abo kündigen, aber was wäre schlimm daran? Und was wäre der viel wichtigere Effekt? Vielleicht würden wieder viele zurückkommen, für die das Niveau der Zeitung der ehemalige und einzige Kündigungsgrund war.

Ja, dazu braucht es Mut. Dazu müsste man sich neu aufstellen, vielleicht sogar neu erfinden. Dazu wäre eine Kehrtwende vonnöten, weg vom Diktat, hin zu neuen und eigenen, selbst erarbeiteten Gedanken samt unbeugsamem Willen, eine unbedeutende Stadt am Rande des Sauerlandes von ihrem üblen Ruf als Proll-Schrumpf- und Dumpfstadt zu befreien.

Der Ton wird rauer und böser, nicht nur in unserer Gesellschaft, und nicht Wenige fürchten zurecht den Untergang alles Liebgewonnenen, alles Gewohnten und schlussendlich auch der dies alles garantierenden Demokratie.

Unsere Welt jongliert am Abgrund, was jedem uninformierten Deppen inzwischen bewusst sein sollte, und da wäre es höchst fatal, wenn Zeitungen wie WP/WR sich diesem Sog NICHT widerstandlos entgegenstemmen würden.

Anstatt ihn zu bedienen, sollten sie für alles Erhaltenswerte ihre Kräfte bündeln. Und wenn etwas in dieser Stadt erhaltenswert ist, dann ist es das Theater! Und es gibt bestimmt noch tausend andere Dinge, mir fallen gerade aber leider nur zwei oder drei ein.

Nicht ein vom „Wohlwollen“ der Bürger finanzierter „Musentempel“, wie Herr Weiske zu schreiben beliebt, sondern eine von der Bürgerschaft und der örtlichen Presse mit Stolz und Freude vorangetragene Monstranz des Geistes, der Kultur und der Kreativität in Zeiten der Kälte und der Unkultur muss dieses Theater bleiben oder werden.

Das wäre Eure Aufgabe! Dann würde selbst ich Euer Blatt abonnieren!

Und ihr solltet die Aufstockung des Salärs für Michael Fuchs feiern, statt sie zu benutzen für Eure so durchsichtige Kampagne gegen das Theater. Denn dieser Michael Fuchs, ehemals erklärter Gegner des Theaters und daher in den Augen Gerbersmanns so sehr geeignet, den Laden mal so richtig umzukrempeln, hat sich inzwischen zum absoluten Befürworter gewandelt, wohl auch, weil er die Interna des Theaters hautnah und greifbar kennen lernen durfte. Er hat sich zum harten Arbeiter für das Haus entwickelt, dessen ungeplante Mehrbelastung nun abgegolten wird. Punkt. Aus.

Es wäre gut gewesen, im Dienst der guten Sache solche Informationen mal nicht zu publizieren und zu benutzen für Eure schäbige Kampagne.

Damit habt Ihr Euch ebenfalls entlarvt. Leider auch als dumm. Denn stellt Euch nur mal vor, wie es wäre, wenn das Theater als Headline wegfallen würde. Womit würdet Ihr dann den frei bleibenden Platz zwischen Euren Inseraten füllen? Na? Bleibt nicht mehr viel, oder?

Allerdings kann ich auch das Theater nicht ganz kritiklos davonkommen lassen.

Mir reicht es nicht, dass Ihr trotz allem immer noch erfolgreich Eure Spielpläne abarbeitet. Mir reicht es nicht, dass Ihr seit Jahren unter diesem permanenten Druck und ohne eine klare, unmissverständliche Aussage zum Erhalt Eures/unseres Hauses seitens der Politik das Maul haltet und irgendwie immer weiter wurschtelt.

Ich erwarte Aktion von Euch! Kreative, inspirierte, freche und mutige Aktion nicht nur auf und hinter, da habt Ihr´s drauf, sondern auch vor und außerhalb der Bühne, das müsst Ihr noch lernen!

Geht mitten hinein in die Bürgerschaft! Stellt Euch mit dem Witz und der Frechheit, die man von Euch Theaterleuten erwarten kann, auch den dämlichsten Brüllern und ignorantesten Politikern in dieser Stadt. Überzeugt sie, diskutiert mit ihnen, zeigt ihnen, dass neben Big Brother und Shopping-Queen noch eine lebenswerte, reale Welt existiert. Selbst hier in Hagen! Und zeigt den Schreibern, die Euch jetzt schon auf „gepackte Koffer“ setzen, was Ihr von solchen frechen Sprüchen haltet!

Mobilisiert Eure letzten Kräfte – viele sind es nicht mehr – und verschanzt Euch nicht länger hinter Fördervereinsbeschlüssen und den alten Mauern Eures Tempels.

Ein Tempel ist den meisten suspekt. Macht aus unserem Theater ein starkes Stadthaus, einen Hotspot des Austausches, einen Schmelztiegel der Ideen und des Widerstandes.

Gründe für Widerstand muss Euch doch wohl niemand mehr liefern, oder?

Und Euch Hagener Politikern, Euch allen, und Euch heruntergekommenen Schreiberlingen drücke ich wärmstens und abschließend den Gastartikel von Christian Sist: „Die Budgetlüge und andere Unsittlichkeiten“ im OPERNMAGAZIN vom 6. September ans kalte Sparer- und Schreiberherz – in Sachen Inspiration, Kreativität und Visionen … Ihr versteht? Vielleicht – und sorry, ich habe mich nur auf Euer Niveau herab begeben.

http://opernmagazin.de/die-budgetluege-und-andere-unsittlichkeiten-ein-widerspruch

4 Antworten to “Der Ton wird böser in Hagen – meiner auch”

  1. Umleitung: „Dit und Dat“ und ein böser Ton in Hagen. Lesen erwünscht … | zoom Says:

    […] Der Ton wird böser in Hagen – meiner auch: Mir scheint, dass sich Herr Weiske in seinem journalistischen Selbstverständnis inzwischen nicht mehr zu schade ist, sich als führender Lohnschreiber der Politik in Hagen selbst zu entlarven … doppelwacholder […]

  2. der erbsenzaehler Says:

    Wer nicht unbedingt hinter dem Theater steht, ist für den Herrn Rösner (wer ist das überhaupt?) gleich ein „Dämlicher Brüller“ oder ein „Ignorant“.
    Auch der restliche Text trift vor Polemik und Beleidigungen.
    So etwas kann man nicht ersnt nehmen.

    Auch Herrn Rösner sollte klar sein, daß die Stadt in Zukunft einfach nicht mehr die finanziellen Mittel hat, um das Theater wie in der Vergangenheit zu alimentieren.
    Vielleicht hat er selbst ja auch ein paar kreative Vorschläge zur zukünftigen Finanzierung des Hauses anstatt nur verbal auf die einzuprügeln, die seine Meinung nicht teilen.

  3. Christoph Rösner Says:

    Lieber Erbsenzähler (welch ein Name in diesem Kontext!).
    Erstens: „nicht unbedingt“ hinter dem Theater funktioniert nicht. Es geht nur dafür oder dagegen. Ein bisschen von beidem als Lösung durchzuspielen, zeugt leider von allzuviel Unkenntnis. Aber dazu will ich mich jetzt hier nicht äußern.
    Zweitens: Wer Herr Rösner ist, lässt sich relativ leicht herausfinden.
    Drittens: Der Text IST eine Polemik – sehr gut analysiert!
    Viertens: Was eine Polemik ist, werde ich hier nicht erklären.
    Fünftens: Warum – lieber Erbsenzähler – nehmen Sie ernst, was „man nicht ernst nehmen kann“, indem Sie sich hinsetzen und mit einigen Sätzen einen Kommentar formulieren?
    Sechstens: Warum fühlen Sie sich als dämlicher Brüller angesprochen? Könnte ich Sie gemeint haben ohne es zu wissen? Ich denke doch wohl nicht.
    Und siebtens: Wie oft waren Sie in dieser oder in der letzten Spielzeit im Theater?
    Achtens: Ein Chor singt immer nur die Lieder, die ihm ein Chorleiter oder der Dirigent vorgibt. Offensichtlich sind Sie auch eines jener Chormitglieder, das nur das Große Lied von der Unfinanzierbarkeit des Theaters mitsingt. Schade eigentlich, ich dachte, es wäre mir gelungen, den oder die Chorleiter in dieser Stadt zu benennen.
    Doch diese Stadt braucht selbständig denkende – oder singende – Menschen – dringend.
    Und neuntens: ein Tipp in diesem Zusammenhang – versuchen Sie sich doch mal Hagen vorzustellen ohne Theater, Musikschule, Museen oder Weiterbildungseinrichtungen? Wenn Sie Ihrer Logik von der Nichtfinanzierbarkeit in der Zukunft treu bleiben wollen – was bleibt dann? Bernd Stelter in der Stadthalle und zwei Shopping-Malls. Werden Sie sich in dieser Stadt dann noch wohlfühlen? Denn so wird Hagens Zukunft aussehen, wenn in der Gegenwart dagegen nicht interveniert wird.
    Herzliche Grüße!

  4. erbsenzaehler Says:

    Moin.
    Ich nehme Ihre „Belehrungen“ mal unkommentiert zur Kenntnis.

    Ich vermisse allerdings Vorschläge, wie die Theater gGmbH in Zukunft finanziert werden soll. Auch Ihnen muß doch klar sein, daß ein einfaches „weiter so“ nicht möglich ist.

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