Jochen Malmsheimer und das Hagener Orchester – ein hinreißender Unfug im Hagener Theater

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Der 21. Sohn J.S. Bachs – „P.D.Q. Bach – ein Leben gegen die Musik“

von Christoph Rösner

Was haben ein Bochumer Kabarettist, ein Hagener Generalmusikdirektor, ein im selben Ort ansässiger Baumarkt und ein offensichtlich skurriler amerikanischer Komponist gemeinsam?

Auf den ersten Blick nichts – wäre da nicht ein furioser Abend im Hagener Theater gewesen, der am 11. Mai gegen 22 Uhr sein rauschendes Finale erlebte.

Was war geschehen? Jochen Malmsheimer, seines Zeichens stimmgewaltiger Wortzauberer und Metaphernalchimist, bekannt als ehemaliger Hausmeister in der ZDF-Anstalt und preisgekrönter Kabarettist und – bitte, danke – Rampensau, trifft auf die voluminöseste Rampensau des Hagener Theaters, GMD Florian Ludwig.

Beide haben offensichtlich etwas ausgeheckt, das, und man muss es so sagen, den beiden gegen alle musikalischen Gewohnheiten geeignet schien, auf die große Bühne in Hagen gebracht zu werden. Beide müssen wohl die fiktive Biografie des zurecht vergessenen 21. Sohnes Johann Sebastian Bachs des amerikanischen Komponisten Peter Schickele gelesen, besser, durchsoffen haben. Denn nüchtern ist das, was Schickele (Nomen est Omen) in seiner 1976 erschienenen ´endgültigen Biografie´ über P.D.Q. Bach da verbrochen hat, vermutlich auch nicht zu ertragen.

Wie man als Komponist für Joan Baez oder die Filmmusik für „Lautlos im Weltall“ darauf kommt, den 21. Sohn Bachs zu erfinden und ihm ein biografisches und musikalisches Denkmal zweifelhaftester Sorte zu setzen, bleibt das vermutlich alkoholisierte Geheimnis seines Schöpfers. Zitat: „P.D.Q. Bach war […] ein Mann, der über das gewaltigste Hindernis triumphierte, vor dem je ein Komponist gestanden hat: das absolute und völlige Fehlen von Begabung. Er setzte sich unerschütterlich über Hindernisse hinweg, die andere Männer ins Lehramt oder in die Verwaltung getrieben hätten: die Folge ist ein Oeuvre, das ohne Parallele ist.“

Spaß muss er gehabt haben, als Autor der Biografie mit dem schönen Titel: „Ein Leben gegen die Musik“ und auch als Entdecker der Musik P.D.Q.s, deren Komponist er selbstverständlich auch war, und dieser Spaß übertrug sich dann nach gemeinsamer Bearbeitung durch die beiden Voluminösen Malmsheimer und Ludwig auf das glucksende, quiekende und schlussendlich tobende Hagener Publikum.

Denn was kann bei einem 21. Sohn des berühmtesten deutschen Komponisten Bach, der ihm, als er 1750 starb, einzig ein Kazoo hinterließ, schon herauskommen, außer, wie Schickele schreibt, seine „charakteristischste Eigenschaft“ eines „manischen Plagiarismus. P.D.Q. erfand kaum eigene Melodien, das meiste thematische Material stahl er von anderen Komponisten zusammen und ordnete es, oft auf eine sehr seltsame Art, neu an.“

Und damit kommen wir zu dem oben erwähnten Hagener Baumarkt, dessen Überlebenschancen seit dieser Aufführung signifikant gestiegen sind. Denn, und auch das erfuhr das Publikum, P.D.Q. Bach war nicht nur Komponist der „Großartigen Serenade für entsetzlich viele Bläser und Schlagwerk“ oder „das Largo pericoloso aus dem Hindenburg Concerto“, nein, er war auch Instrumentenerfinder.

Und da Fasaunen oder das Lasso d´amore in städtischen Orchestern eher selten zum Einsatz kommen, mussten sie eben mit nahezu übermenschlichem Aufwand von der Requisite hergestellt werden, um am Ende, im furiosen Finale mit dem vielsagenden Titel: Special Deliverance – was so viel bedeutet wie spezielle Erlösung oder Errettung, von Florian Ludwig hoch konzentriert, virtuos und nicht frei von Selbstironie zum Stöhnen, Ächzen und Schnauben gebracht zu werden.

Malmsheimer selbst, während des orchestralen Fiaskos selbst im Halbdunkel am Bühnenrand sitzend, schien zwischenzeitlich seinen eigenen inszenierten Bühnenspaß nicht mehr im Griff zu haben, und es beschlich den Zuschauer das Gefühl, dass er jeden Moment von seinem Stuhl oder aus der Rolle des Vortragenden kippen wollte.

Alles in allem war das, was am Montag im Hagener Theater ohne die Teilnahme der Lokalpresse, die an diesem Montag wahrscheinlich sehr viel zu tun hatte, zur Aufführung kam, ein humoristisch-musikalisch-skurriles Feuerwerk erster Güte.

Neben der fantastischen Leistung des Orchesters, das, verglichen mit der abstrusen Musik, die es unter der Leitung Florian Ludwigs mit viel Spaß und ungewohnter (Schau-)Spielfreude zu spielen gezwungen war, brillierte ein unvergleichlicher Jochen Malmsheimer als Rezitator der Biografie P.D.Q. Bachs. Er würzte, wie man es von ihm erwarten konnte, seinen Vortrag mit eigenen, ebenso unvergleichlich schönen, kabarettistischen Anspielungen auf sein eigenes, als auch das Leben des Musikers an sich.

Dass er auch noch einen nicht erschienenen berühmten russischen Gastviolinisten souverän ersetzte, obwohl doch nur seine Frau zuhause Geige spielt, war nur eines der Highlights dieses Abends.

Die Hagener belohnten ihre Protagonisten der musikalischen Irrungen und Wirrungen – UnFUGE wäre in diesem Zusammenhang passender – mit frenetischem, stehenden Beifall. Ein wunderbarer Spaß in heftigen Zeiten, der noch auf vielen Bühnen wiederholt werden sollte.

Eine Antwort to “Jochen Malmsheimer und das Hagener Orchester – ein hinreißender Unfug im Hagener Theater”

  1. erbsenzaehler Says:

    Ich kann Herrn Rösner nur zustimmen.
    Es war eine Freude und ein Riesenspaß, den Akteuren zuzusehen und zuzuhören.

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