„Gravierende Konsequenzen“

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Verwaltung warnt vor weiteren radikalen Kulturkürzungen

Thomas Huyeng gilt vielen Hagener Kulturinteressierten als grandiose Fehlbesetzung. Christoph Rösner hat sich gestern an dieser Stelle über die neuesten Kürzungsvorschläge aus dem Beritt des Kulturdezernenten ausgelassen – allerdings basierend auf der lokalen Presseberichterstattung vom Samstag. Und genau in deren Huyeng-Lastigkeit liegt die Krux.

Schon in der Subhead des (gedruckten) WPWR-Artikels (Autorin: Yvonne Hinz) spielen „drastische Kürzungsvorschläge des Kulturdezernenten Thomas Huyeng“ die tragende Rolle. Das ist ein bisschen richtig und gleichzeitig ein bisschen falsch.

Es ist – formal – richtig, weil Huyeng die Verwaltungsvorlage unterzeichnet hat (erstellt haben dürfte er sie wohl nicht). Es ist – inhaltlich – falsch, weil die generellen Kürzungsvorgaben nicht aus dem Bereich der Verwaltung kommen, sondern vom Rat beschlossen wurden und somit auch von der politischen Ebene zu verantworten sind. Aufgabe der Verwaltung ist es dann, nach Wegen zu suchen, die pauschale Order des Stadtrats zu konkretisieren.

Diese Kausalität wird in dem fünfspaltigen Artikel leider nur beiläufig mit einem einzigen Satz erwähnt und ist selbst von Lesekundigen leicht zu übersehen. Fachbereichsleiter Tayfun Belgin, in Personalunion auch Leiter des Osthaus-Museums, dürfte beispielsweise kaum ein Interesse daran haben, die Öffnungszeiten seines Hauses auf zwei Tage pro Woche eindampfen zu lassen.

Faktisch ist die Vorlage der Verwaltung eine einzige Warnung vor der Umsetzung der eigenen, von der Politik angeordneten, Kürzungsvorschläge. Das Bemühen darum, das Schlimmste zu verhindern, ist fast jedem Satz anzumerken. Der Verwaltung lässt sich vieles vorzuwerfen, aber in diesem Fall muss man sie wirklich einmal in Schutz nehmen.

Umso bedauerlicher ist es hingegen, dass die Lokalredaktion der WPWR diesen Hintergrund nicht hinreichend zu würdigen weiß und anscheinend eine angemessene Berichterstattung zu einem für die Stadt so wichtigen Thema nicht mehr gewährleisten kann. Nicht nur der zuständige Dezernent gilt vielen Hagener Kulturfreunden als Fehlbesetzung.

Damit sich Interessierte trotzdem ein Bild machen können, dokumentieren wir hier die wesentlichen Passagen des Verwaltungspapiers, das am Donnerstag dem Kulturausschuss zu einer ersten Lesung vorgelegt wird (Hervorhebungen: DW):

Vorschläge der Kulturverwaltung

Kürzung des Zuschussbedarfes im Produktbereich Kultur

Mit den vorgestellten Maßnahmen wird sich die kulturelle Ausrichtung der Stadt Hagen im Bereich Museen und Kulturbüro radikal verändern. In den Sparrunden der Vergangenheit seit 2008 sind Personal wie auch die spezifischen Etats immer wieder abgebaut bzw. gekürzt worden, so dass mit den hier vorgestellten Maßnahmen ein substantieller Einbruch in das Wesen der städtischen Kultureinrichtungen zu verzeichnen sein wird – wenn die Maßnahmen beschlossen würden. Weniger einschneidende Maßnahmen als die vorgestellten sind nicht mehr umsetzbar.

Bei den Museen Osthaus Museum, Hohenhof, Stadtmuseum (im Souterrain des Osthaus Museums), Wasserschloss Werdringen wurde eine paritätische Reduzierung der Öffnungszeiten zugrunde gelegt. Diese drei Museen würden ihre Tore nur noch am Samstag und am Sonntag öffnen – der Hohenhof wird bereits seit 2010 so betrieben (mit Sonderöffnungen für Schulklassen und Gruppen).

Die gravierenden Konsequenzen dieser Radikalmaßnahmen, die zu einer echten Ersparnis führen würden, sind wie folgt darzulegen:

  • Verabschiedung von der heutigen Ausstellungsphilosophie des FB Kultur, gemeinsame bedeutende Ausstellungen aller drei Institute (OMH, HCH, KB) zu realisieren wie „Weltenbrand“ 2014, „Hundertwasser“ 2015, die zum Renommee der Stadt Hagen beitragen.
  • Keine Einbindung mehr in wissenschaftlich bedeutende Tournee-Ausstellungen mit anderen Museen.
  • Überregionaler wissenschaftlicher Verlust des in den letzten Jahren mühsam aufgebauten Images der städtischen Institute.
  • Es besteht die Gefahr, dass Sammler ihre bedeutenden Kunstwerke (Dauerleihgaben) und Objekte abziehen.
  • Keine öffentliche Förderung durch Stiftungen etc.
  • Einnahmeverluste bei den Eintrittsgeldern.
  • Gesichts- und Geschichtsverlust für die Stadt Hagen.
  • Verfehlung des Bildungszieles der Museen.

Die städt. Kultureinrichtungen können nur so lange Impulse für ein Kulturleben geben, wie sie in der Lage sind, den sehr lebendigen kulturellen Wandel in Gesellschaft und Politik durch entsprechende Projekte darzustellen und einer breiten Öffentlichkeit anzubieten. „Eingefrorene“ Kulturinstitute, die lediglich die Aufgabe hätten, Aspekte ihrer vergangenen Tätigkeiten aufrecht zu erhalten, werden kein Publikum anziehen und haben kaum Existenzberechtigung.

Die Reduzierung des Wechselausstellungsetats des Osthaus Museums von 100.000 € auf 20.000€ bedeutet, das bestenfalls 1/3 der heutigen Ausstellungen stattfinden wird. Das Ausstellungsprogramm wird daher deutlich reduziert bzw. die Ausstellungen werden länger gezeigt (bis zu 6 Monaten), falls die Leihgeber damit einverstanden sind. Die Erfahrung im Osthaus Museum zeigt, dass je weniger Eigenanteil wirksam werden kann, umso weniger Sponsoren bereit sind, großzügig eine Ausstellung wie im bisherigen Umfang zu fördern.

Bei einer Reduktion des Sachkostenetat für Kunst im öffentlichen Raum auf Null stehen weder Mittel für die Unterhaltung von Kunst im öffentlichen Raum noch für Leistungen in Schadensfällen zur Verfügung. Ein Versicherungsschutz für die Kunstwerke im öffentlichen Raum besteht nicht. Seit 2000 fielen wiederholt Kosten an im Zusammenhang mit Schadensfällen, vor allem bei der wiederholten Zerstörung des „Mädchens mit Zöpfen“ und zuletzt beim „Eselreiter“. Die Kosten für die Betreuung oder für Schadensregulierung über Drittmittel, Sponsoren bzw. Patenschaften zu decken stellt sich in der jetzigen Rezession lediglich als eine theoretische Möglichkeit dar.

Konsequenz ist der mögliche Verfall der Kunst im öffentlichen Raum. Dies führt zu einer unter Umständen massiven Beeinträchtigung des Hagener Stadtbildes.

Die Reduzierung von Öffnungszeiten eines Museums ist eine kritische Maßnahme, bringt allerdings eine relativ große Ersparnis bei gleichzeitigem Ausfall von Einnahmen. Der FB Kultur prognostiziert eine Ersparnis von 140.000 € zu erzielen sind, falls das Osthaus Museum nur an den beiden Wochenendtagen (und Feiertagen) geöffnet bleibt. Eine derartige Reduzierung bedeutet, dass das Museum mehr geschlossen als geöffnet ist. Es wird noch einmal betont, dass die Öffnungszeiten des Schumacher Museums hiervon nicht betroffen sind, das die Stadt Hagen im Vertrag aus dem Jahr 2005 eine Mindestöffnungszeit von 42 Stunden verbindlich vereinbart hat.

Die Konsequenzen sind:

  • Große Ausstellungsprojekte können nicht mehr durchgeführt werden. Sie sind zu teuer und eine Förderung durch Sponsoren setzt immer die international übliche Öffnungszeit voraus – vgl. die Öffnungszeiten der Museen in der Metropole Ruhr.
  • Kleinere Ausstellungen mit Künstlern aus der Region sind möglich so wie auch Ausstellungen zu Sammlungsbeständen realisiert werden können. Die Sammlungsbestände repräsentieren in aller Regel die Sammlungstätigkeit der Vergangenheit.
  • Die Einbindung in wissenschaftlich bedeutende und publikumswirksame Tournee-Ausstellungen mit anderen Museen ist nicht mehr möglich.
  • Das in den letzten Jahren mühsam aufgebaute Image des Osthaus Museums wird zerstört.
  • Sammler ziehen ihre bedeutenden Dauerleihgaben zurück.
  • Das Renommee der Stadt Hagen als Kulturstadt wird stark beschädigt.

Das Stadtmuseum Hagen und das Museum Wasserschloss Werdringen verfügen über bedeutende und überregional bekannte Sammlungen. Darunter befinden sich auch Exponate aus empfindlichen Materialien und wichtiges Kulturgut, beispielsweise Objekte aus jüdischem Besitz, die eine besondere historisch-politische Bedeutung besitzen. Im Bestand des Museums Wasserschloss Werdringen werden auch zahlreiche gesetzlich geschützte Bodendenkmäler verwahrt, zu deren Erhalt und Präsentation die Stadt verpflichtet ist.

Die Kürzung der Aufwendungen für Ausstellungen und Projekte wird zu reduzierten archiv- und museumspädagogischen Angeboten im Stadtmuseum, Museum Wasserschloss Werdringen und im Stadtarchiv führen. Diese Reduktion wirkt sich z. B. auf die historische und politische Bildungsarbeit in den Museen und im Stadtarchiv aus. Der politisch geforderte und institutionell verankerte Bildungsauftrag dieser Institutionen ist dadurch in Frage gestellt bzw. kaum mehr möglich.

Bei einer Reduzierung stehen keine Mittel mehr für die regelmäßige Erneuerung, den Ausbau  und die Pflege der Dauerausstellungen zur Verfügung. Das wirkt sich unmittelbar auf die inhaltliche Qualität der Dauer- und Wechselausstellungen sowie auf den Zustand der Exponate und Ausstellungsmittel aus. Die Museen verlieren dadurch an Attraktivität, so dass sich eine Wechselwirkung mit den als Resultat sinkenden Einnahmen aus Eintritts- und Führungsgeldern sowie auch Shop-Verkäufen ergibt.

Die Kürzung der im Kostenposten enthaltenden Ausgaben für den Unterhalt und die Erhaltung von Beständen schränkt die im Vergleich zur Zusammensetzung, Bedeutung und Ausstrahlung der Sammlungen ohnehin schon knapp bemessenen Mittel nochmals ein. Dies wird unter Umständen kurz- und mittelfristig auch die Zerstörung von Kulturgut zur Folge haben, in ihrer Gesamtheit gefährdet die Reduzierung den Erhalt der Sammlungen, weil der bislang notwendige Aufwand nicht mehr betrieben werden kann.

Das Museum Wasserschloss Werdringen mit den überregional bedeutenden Sammlungen zur Geologie und Archäologie des nordwestlichen Sauerlandes blickt auf eine mehr als 200-jährige Sammlungs- und Forschungstradition in Hagen zurück. Es handelt sich folglich um eine historisch gewachsene Sammlung, die von ihrer Bedeutung in Westfalen nur vom LWL-Landesmuseum für Archäologie übertroffen wird.

Die Reduzierung der Öffnungszeiten auf die Wochenenden und Feiertage ist auch im Hinblick auf die zukünftig erwünschte Besucherfrequentierung im Wasserschloss Werdringen kritisch zu hinterfragen.

Ein weiterer Aspekt, der gegen die Reduzierung der Öffnungszeiten spricht, ist die geplante Neuausrichtung und der Angebotsausbau im Wasserschloss Werdringen, von dem das Museum nicht nur profitieren soll, sondern im Kern auch eine gewichtige Rolle spielen muss. Die Reduzierung der Öffnungszeiten verhält sich diesen notwendigen Planungen völlig gegensätzlich und konterkariert alle positiven Entwicklungstendenzen, die am Standort im Wasserschloss Werdringen zu erwarten sind.

Die Aufwendungen des Kulturbüros sind bei den Kürzungen der letzten Jahre so gekürzt worden, dass nur noch wenige Projekte weiter durchgeführt werden. Dazu gehören aktuell Muschelsalat (größtenteils durch Drittmittel finanziert), Mord am Hellweg und SCHWARZWEISSBUNT (ein neues Format). Weitere Kürzungen würden in der Konsequenz eine Auflösung des Kulturbüros und damit verbunden die Aufgabe der Projekte nach sich ziehen.

Die vier Kulturzentren AllerWeltHaus, Hasper Hammer, Pelmke und Werkhof Hohenlimburg erhalten nach einem 1990 beschlossenen Förderkonzept zur Professionalisierung und Sicherung eines qualifizierten Kulturangebots einen jährlichen städtischen Zuschuss.

Eine Mittelkürzung um 50 % hat erhebliche Auswirkungen auf die Qualität und Quantität der Kulturarbeit und ist aus der kulturpolitischen Sicht sehr kritisch zu beurteilen.

In den Kulturzentren wird die bisher vertraglich gewünschte Beschäftigung mindestens einer hauptamtlichen Fachkraft (BAT IVa) nicht mehr einforderbar sein und zu der Entwicklung führen, dass fachlich weniger versiertes Personal das Management übernimmt. Darüber hinaus werden ein Ausstieg aus der kulturpädagogischen Kinder- und Jugendarbeit und ein Ausstieg aus den Kooperationen im Bereich interkultureller und generationsübergreifender Projekte die Folge sein. Das von zehntausenden Bürgern wahrgenommene Veranstaltungs- und Workshopprogramm wird sich deutlich verschlechtern und die Stadtteilarbeit beeinträchtigen.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass als Folge einer Kürzung von Zuschüssen und einer evtl. damit einhergehenden finanziellen Schieflage oder gar Schließung eines Zentrums an anderer Stelle Mittel zurückgezahlt werden müssen. Für die Kulturzentren sind in Städtebaufördermittel mit Zweckbindung geflossen.

Der Rat hat den Genannten eine Zusicherung von Zuschüssen von 200.000 € bis zum 31.12.2019 gewährt. Falls der Rat diesen Beschluss nicht aufhebt, entsteht im Fachbereich Kultur für die Jahre 2018 und 2019 ein Delta von ca. 100.000 €. Eine Deckung kann dann nur erfolgen, in dem man zu äußerst kritischen Maßnahmen greift: Abbau von Personal und/oder Verkauf von Bildern und Objekten.

Letztere Maßnahme ist nicht nur unpopulär, sondern trüge zu einem großen Imageschaden der Stadt Hagen bei. Seit dem Verkauf des Gerhard Richter-Bildes „Seestück“ (1971) im Jahr 1998 hat sich dieser Verkauf in das Gedächtnis der Kunstöffentlichkeit als Skandal aus Hagen eingeprägt. Die 2011 und 2012 geführte Diskussion um eine mögliche Veräußerung des Bildes von Ferdinand Hodler „Der Auserwählte“ (1903) aus dem Hohenhof hat die gesamte deutsche Kulturpresse bewegt und zu starken Reaktionen geführt.

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