Der mittellose Genussmensch

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Ein scheinbares Paradoxon über Essen und Trinken – das ist auch: politisch

Christoph Rösner, einer der wenigen verbliebenen profilierten Kritiker Hagener Zustände, hat ein neues Internet-Angebot gestartet: GartenWeinKoch, das „Online-Tagebuch eines mittellosen Genussmenschen“. Motto: „Konsequent eskapistisch. Zeitgemäß. Lustvoll.“

Wie schon der Titel vermuten lässt, geht es um Garten, Weine und Kochen. Rösner, der auch in loser Folge pointierte Beiträge bei DOPPELWACHOLDER.DE veröffentlicht, verkündet entschieden: „Keine Politik! Nein! Ich habe mir vorgenommen, in diesem neuen Blog nichts Politisches zu verbreiten.“ Dabei kann er dem realiter gar nicht ausweichen, auch wenn es vordergründig nur um Essen und Trinken geht.

Der Autor schreibt im Prolog seines neuen Blogs: „Das größte im Leben ist der Verzicht! Das ist richtig, aber nur solange, bis man verstanden und verinnerlicht hat, was das genau bedeutet. Verzicht ist aber nur gut, wenn man sich auch etwas gönnt.“ Das kommt tatsächlich alles ziemlich unpolitisch des Weges – aber nur auf den ersten Blick.

Denn wer glaubt, Rösner sei als „mittelloser Genussmensch“ nur ein wandelndes Paradoxon und habe sich nun auf die Seite derer geschlagen, die – in der ihnen eigenen Widersprüchlichkeit – mit dem SUV beim Bioladen vorfahren und sich anderen als esoterisch umnachtete Alleininhaber der Erkenntnis präsentieren („Du bist noch nicht soweit.“), der liegt völlig falsch.

Denn für Rösner ist klar: „Verzicht ist sehr schlecht, wenn er unfreiwillig daherkommt oder wenn er uns derart einschränkt, dass wir jede Minute meinen, uns endlich wieder mal etwas gönnen zu müssen und es nicht können. Dann ist der Verzicht etwas Schlechtes, etwas, das uns schlechte Laune beschert und uns, wenn’s ganz dicke kommt, die Lust am Leben vergällt.“

Christoph Rösner versucht, „diesen Zeiten des Terrors“ etwas entgegenzusetzen – und er meint dabei „nicht den physischen, den religiös oder politisch motivierten Terror, sondern den Alltagsterror, den unverschämten Überflussterror, den Kapitalismusterror oder auch den Reklameterror“, diesen Terror, der „die meisten von uns fest im Griff hat“. Man könne ihm Einhalt gebieten. Man könne sich besinnen.

Das klingt dann doch wieder sehr politisch. Es ist vor allem dies: eine Haltung – etwas, von dem sich die üblichen lokalen Posaunisten schon vor langer Zeit verabschiedet haben. Wenn sie denn je eine Haltung besessen haben.

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