„Ruinen, Bretterbuden, Trümmerhaufen“

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Ein Lokalschreiber hetzt gegen den Denkmalschutz

Zwei Dinge sind unendlich,
das Universum und die menschliche Dummheit.
Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
Albert Einstein

Es hat alles nichts gefruchtet. Dabei hatte sich der Onkel Johann so viel Mühe gegeben, dem kleinen Hubertus zu erklären, was ein Denkmal ist. Unser Trotzköpfchen ließ sich aber nicht von Argumenten beeindrucken und trötet aus seinem Laufstall in der Schürmannstraße weiter fröhlich ins populistische Horn.

In seinem Poesiealbum „Mein Hagen“ veröffentlichte der grinsende Redakteur des heimischen Einheitsblatts, Hubertus Heuel, am Samstag eine Suada der von kleinbürgerlichen Vorurteilen geprägten Ahnungslosigkeit gegen den Denkmalschutz im allgemeinen und das Objekt Turnhalle Nöhstraße im besonderen (nicht im Netz).

Verstanden hat der Schreiber offensichtlich nichts. Weder die problemlos selbst für Laien nachvollziehbare Argumentation des ehemaligen Stadtbaurats Johann Dieckmann, noch die ausführliche Stellungnahme der Verwaltung (die man in diesem Falle wirklich mal in Schutz nehmen muss).

Stattdessen lässt er das komplette Spektrum der Bewertungen derer paradieren, die ihre baukulturelle Sozialisation in den hiesigen Filialen von Baumarktketten erfahren haben, und versteckt sich dabei hinter diesen vermeintlichen oder vielleicht tatsächlich gefallenen Äußerungen von angeblich „großen Teilen“ der Bevölkerung. Aufklärung hingegen – das wäre Aufgabe einer Presse, die sich selbst gerne in Sonntagsreden als „Vierte Gewalt“ preist – findet in seinem Beitrag nicht statt.

Dafür die blanke Hetze. So ist viel von „Ruinen“, „Bretterbuden“ und „Trümmerhaufen“ die Rede, für die angeblich „Geld bereit gehalten“ wird, während „Kindergärten und Schulen (…) geschlossen“ werden. Dass das eine mit dem anderen herzlich wenig zu tun hat, ficht unseren Populisten dabei nicht an. Hauptsache: Stimmung machen.

Dabei ist er sich für keine Demagogie zu schade. So heult Heuel, „die“ Bürger müssten „mit ihren Steuergeldern“ finanzieren, was eine „kleine Minderheit“ fordere. Die „kleine Minderheit“, gemeint sind wohl die Untere Denkmalbehörde mit ihrer rührigen Leiterin Ina Hanemann und der übergeordnete Landschaftsverband, arbeiten auf rechtlicher Grundlage und nicht nach geschmäcklerischen Kriterien eines Zeitgeists, der heute vernichtet, was er in einigen Jahren zurückhaben möchte – nachdem sich die Mode gewandelt hat.

Oder Heuel behauptet: Die Bezirksvertretung Nord wolle den Denkmalschutz verhindern, „um ihre Stadt weiterzuentwickeln“. Pure Phantasie. Auf dem Hallengrundstück gibt es nichts „weiterzuentwickeln“, es sei denn durch eine sinnvolle Umnutzung des Gebäudes.

Heuel konstruiert einen Gegensatz zwischen dem „wissenschaftlichen Verständnis von Denkmalschutz“ und der angeblich „ursprünglichen Idee“, an die „die Bürger denken“ würden: „ein Gebäude aufgrund seines ästhetischen Reizes“ zu bewahren. „Eine Burg sollte man erhalten, ein schönes Rathaus, eine herrschaftliche Häuserzeile.“

Auch dafür sorgt der Denkmalschutz, aber wer definiert Ästhetik und das Schöne? Vielleicht irgendwelche „völkischen Beobachter“? Geht’s noch? Und warum sind eigentlich nur „herrschaftliche“ Häuser denkmalwürdig? Noch kritischer wird es dann bei Burgen. Das sind häufig auch nur Ruinen, wie zum Beispiel auf der Hohensyburg. Nach Heuels verquaster Logik gäbe es nur eine Lösung: Abreißen. Oder das ziemlich marode Kleinod Bergischen Barocks, das Haus Harkorten: Abreißen, was sonst?

Konsequenterweise käme das dann auch für diverse Pilgerstätten deutscher Oberstudienräte infrage: Das Kolosseum in Rom (Ruine), Holzkirchen in Polen (Bretterbuden) oder Philippi in Nordgriechenland (Trümmerhaufen). Alles abreißen!

Nun lässt sich eine Vorhaller Turnhalle natürlich nicht mit Weltkulturstätten auf eine Stufe stellen, aber die Absurdität der „Argumentation“ des Heuel-Pamphlets und der Vorortpolitiker dürfte mit diesem Beispiel klar werden. Nicht unbedingt den Genannten – das wäre wahrscheinlich zu viel verlangt, aber vielleicht dem einen oder anderen Leser dieser Zeilen.

Das Objekt des Hasses, die Turnhalle in der Nöhstraße, hat aber sehr wohl (wenigstens) für den Hagener Raum eine Bedeutung. Sie ist vermutlich das einzige erhaltene Holzbauwerk aus der Zeit des – durchaus sozialdemokratisch geprägten – „Neuen Bauens“ der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts im heutigen Stadtgebiet. Allein das ist ein ausreichender Grund, die Halle unter Denkmalschutz zu stellen.

Sie gehört in den Kontext einer äußerst produktiven Phase der öffentlichen Bautätigkeit, die in den wenigen Jahren zwischen der Hyperinflation 1923 und der Weltwirtschaftskrise 1929 eine Vielzahl von architektonisch qualitätvollen Gebäuden hervorbrachte, die auch heute noch – nicht nur in Hagen – stadtbildprägend sind.

Es waren Bauten der öffentlichen Versorgung, beispielsweise das (heute verhunzte) Eckeseyer Straßenbahndepot und das Umspannwerk am Schützenhof, oder sozialer Wohnungsbau wie die Cuno-Siedlung (Kuhlerkamp), die – nicht nur wegen des Einbaus der „Frankfurter Küche“ – für eine Provinzstadt geradezu avantgardistisch daher kam. Übrigens bekämpft von der konservativen Rechten im damaligen Hagener Rat und im Anschluss von den Nazis in „Neu-Braunau“ umbenannt.

Aus heutiger Sicht bemerkenswert ist die Tatsache, dass selbst das damals noch eigenständige Vorhalle als kleine Gemeinde sich diesem „Neuen Bauen“ gegenüber offen zeigte und die jetzt so angefeindete Turnhalle erstellen ließ. In der heutigen Zeit, in der die Entscheidungsträger in der Politik „Investoren“ die Verantwortung für Architektur überlassen und die Gestaltung des öffentlichen Raums zu einem großen Teil aufgegeben haben, ist so etwas kaum noch vorstellbar.

Jämmerlich ist vor diesem Hintergrund die Haltung der Gruppierungen, die im weitesten Sinne der politischen Linken zugeordnet werden, de facto aber als Sprachrohre eines geschichtslosen reaktionären Kleinbürgertums agieren. Deren Äußerungen und ihre Zustimmung zu dem schändlichen Beschluss der Bezirksvertretung belegen, dass sie noch nicht einmal ihr eigenes bauhistorisches Erbe kennen.

Somit sind die Tiraden aus dieser Ecke fast noch schlimmer als die erbärmlichen Versuche eines Traktat-Verfassers, der sich darin zu gefallen scheint, Stimmung gegen den Denkmalschutz zu machen und damit selbst die hinterletzte Dumpfbackigkeit nicht nur zu bedienen sondern auch noch anzufeuern weiß.

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