DGB und GRÜNE gegen drohendes Meinungsmonopol

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Empörung über mögliche Zensur der Berichterstattung

In der Kälte muss man zusammenhalten – besonders in der sozialen. Deshalb erklärten sich der Hagener Kreisverband der Grünen und der DGB-Bezirk Ruhr-Mark, wie bereits berichtet, solidarisch mit den Beschäftigten der Westfälischen Rundschau.

Während einer Diskussionsrunde am Donnerstag im Hagener DGB-Haus stellte Jochen Marquardt als Geschäftsführer des DGB-Region Ruhr-Mark fest: „Wenn es faktisch nur noch eine Zeitung gibt, dann gibt es demnächst nur noch eine Meinung, die die Themen und den Mainstream vorgibt.“ Als unglaublich bezeichnet Marquardt: „Das Zeitfenster der Bekanntgabe der Kündigungen: zwei Wochen! Das habe ich persönlich in noch keinem seriösen Betrieb erlebt.“ Den Beschäftigten habe man keinerlei Perspektiven aufgezeigt. Dabei müsse der Verlag die Kooperationen von langer Hand geplant haben. „So was stemmt man nicht von heute auf morgen.“

Klar in seiner Solidarität war auch der Superintendent der evangelischen Kirche in Hagen Bernd Becker: „Ich bin tief betroffen und habe in der vergangenen Zeit mit beiden Zeitungen der Stadt gut zusammen gearbeitet. Unser Entsetzen und Unverständnis über die Entscheidung haben wir dem Verlagsvorstand bereits in einem Schreiben mitgeteilt.“

Im Vorfeld der DGB-Diskussionsrunde hatte der Kreisverband der Grünen zu einer Solidarkundgebung vor dem DGB-Haus an der Körnerstraße in Hagen eingeladen. Trotz der Kürze des Vorlaufs waren rund 30 Menschen dem Aufruf gefolgt. „Hier wird Hals über Kopf unsere Rundschau eingestampft!“, wettert Jürgen Klippert vom Kreisvorstand. „Das ist nicht nur menschlich eine Katastrophe, das ist auch ein Riesenproblem für die Demokratie!“ Wenn es künftig jeweils nur noch ein Medium am Ort gibt, sei die Meinungsvielfalt in Gefahr. Außerdem warnt Klippert davor, dass insbesondere Ältere vom Geschehen abgeklemmt werden. „Wenn man die Rundschau lesen will und nicht die Westfalenpost, bleibt einem nichts anderes übrig als abzubestellen. Damit erfährt man nichts mehr über Hagen.“ Die elektronischen Medien ersetzten zudem nicht das Produkt am Frühstückstisch.

Die Hagener Redaktion der WR war bereits 2009 de facto geschlossen worden, seitdem sind die Lokalteile von Westfälischer Rundschau und Westfalenpost weitestgehend identisch. Zum 1. Februar wird nach den Planungen des WAZ-Konzerns auch ein eigenständiger Mantelteil eingestellt.

Noch eklatanter gestaltet es sich in Dortmund. Dort werden künftig drei Titel am Markt erscheinen, die einen komplett identischen Lokalteil haben: den der Ruhr-Nachrichten. „In einer Gesellschaft gibt es verschiedene Ansichten, verschiedene Religionen, verschiedene Werte – das macht die Gesellschaft lebendig. Aber ausgerechnet auf dem Sektor, der diese Vielfalt transparent macht, herrscht regional bald Einfalt!“, kritisiert Regina Sparfeld-Möbus, Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Südwestfalen. Sie rückte die Betroffenen in den Fokus: „Das sind mindestens 250 Menschen und deren Familien betroffen. Die freien Journalisten sind sozial nicht abgefedert.“ Ihnen bleibt der Gang zum Jobcenter.

Als Riesenskandal werten Hagener DGB und Grüne, dass es offensichtlich nicht möglich sei, über die Kundgebung und die Diskussionsrunde in der Westfälischen Rundschau zu berichten. „Wir vermissen die Berichterstattung in der WR und wundern uns. was für ein Armutszeugnis ist das, dass die WR ihrer journalistischen Verantwortung nicht mehr professionell nachkommt!“, fasst Jochen Marquardt zusammen. In Hagen haben Lokalfunksender über die Veranstaltung berichtet. „Wenn man da Redakteurinnen und Redakteure eine Berichterstattung untersagt hat, ist das Zensur!“ Bisher unveröffentlicht geblieben seien auch die Solidaritätsadressen, die zahlreiche Parteien und Institutionen an WR-Redaktionen geschickt haben, hat Marquardt beobachtet. „Das ist völlig unakzeptabel und hat keinerlei Bezug mehr zu journalistischer Objektivität!“

Schon im Vorfeld führte die Umgehensweise der WAZ mit der journalistischen Sorgfaltspflicht zu scharfen Protest beim DGB in der Region Ruhr Mark. Bereits auf der Beschäftigtenversammlung im Journalistenzentrum Haus Busch in Hagen hatte der DGB sich mit den betroffenen Kolleginnen und Kollegen solidarisch erklärt. Im Vorfeld wurde die Presse über die Stellungnahmen der Gewerkschaften informiert.

DGB-Regionsgeschäftsführer Jochen Marquardt ist empört: „Es findet keinerlei Berichterstattung statt. Es wird weder über unsere Pressemeldungen noch die Informationen über unsere Aktionen vor Ort berichtet. Der deutliche Protest aus vielen Organisationen und Institutionen, von vielen Menschen der betroffenen Regionen findet sich weder im überregionalen noch in den regionalen Ausgaben der WR wieder. Wenn die neue Ausrichtung in der WAZ darin besteht, statt informierendem Journalismus Maulkörbe zu verteilen, steht nicht nur die Anzahl der Redaktionen auf dem Spiel.“

Rund 250 Menschen – festangestellte wie freie Journalistinnen und Journalisten  – stehen voraussichtlich ab 1. Februar 2013 ohne Job da – ein Desaster auch für ihre Familien.

Ab diesem Zeitpunkt wird die Westfälische Rundschau in allen noch bestehenden Lokalredaktion und der Mantelredaktion ohne Redakteure dastehen, die den Inhalt liefern. Er kommt lokal von Fremdverlagen und überregional aus der WAZ-eigenen Redaktion des „Content Desk“. Denn der Titel wird am Markt erhalten bleiben.

Der DGB in der Region ruft dazu auf, die geplante Kundgebung am Samstag in Dortmund mit aller Kraft zu unterstützen. Start ist um 11.00 Uhr vor der WR-Redaktion in der Brüderstraße. Von dort aus wird ein Demonstrationszug durch die Innenstadt ziehen und mit einer Kundgebung auf dem Alten Markt enden.

Weitere Informationen auch auf:

www.rundschau-retten.de
www.facebook.com/WRMussBleiben

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