„Ich nehme keine Krümel“

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Bürgermeister erkämpft Millionen für seine Stadt

Stéphane Gatignon, Bürgermeister der französischen Stadt Sevran, hat seinen Hungerstreik (Siehe auch: Hungerstreik statt Kamelle) vor der Nationalversammlung in Paris beendet. Nachdem die Regierung ihm die geforderten fünf Millionen Euro jährliche Hilfe für seine notleidende Kommune zugesagt hat, baute der Grünen-Politiker sein Zelt ab, in dem er sechs Tage lang ausgeharrt hatte.

Mit seiner Aktion hatte der 43-jährige Gatignon in ganz Frankreich Aufmerksamkeit erregt, während in den deutschen Medien fast nichts dazu berichtet wurde. Dabei ist der Anlass für den Hungerstreik hierzulande genauso gegenwärtig wie in Frankreich: Dramatisch unterfinanzierte Städte und Gemeinden.

Als eines der ganz wenigen deutschen Presseorgane berichtete die Badische Zeitung unter der Überschrift „Hungernder Camper triumphiert über Frankreichs satte Politiker“:

(…) Im Schneidersitz saß er im Zelt, die blau-weiß-rote Schärpe des Bürgermeisters über der zerknautschten Windjacke. Draußen traten die Würdenträger von einem Bein aufs andere, beugten sich linkisch zum Hungerstreikenden herab, dem man, geschwächt, wie er war, ein Aufstehen und ein Gespräch auf Augenhöhe schwerlich zumuten konnte. Den grünen Rebellen einfach zu ignorieren, empfahl sich auch nicht. Dafür war sein Anliegen zu populär, die Argumentation zu schlüssig, das mediale Getöse zu groß. Dass es ein Missstand ist, wenn Sevran 35 Prozent weniger Einnahmen verzeichnet als vergleichbar große Gemeinden, zur Linderung der Misere aber höhere Ausgaben stemmen muss als jene, leuchtet ein.

Und so brachten die Spitzenpolitiker nach Art der Könige aus dem Morgenland dem armen Vorstadtbürgermeister Geschenke dar. Ob Innenminister Manuel Valls, der Parlamentsvorsitzende Claude Bartolone oder Harlem Désir, der Chef der Sozialistischen Partei: Alle versprachen sie Hilfe, der eine aus diesem, der andere aus jenem Fonds. Bauminister François Lamy kündigte an, die ärmsten, konfliktträchtigsten Vorstädte des Landes würden im Rahmen des Finanzausgleichs der Gemeinden zusätzliche Mittel erhalten. Sevran könne mit einer Aufstockung von mehr als zwei Millionen Euro rechnen. „Ich nehme keine Krümel“, stellte der Hungerstreikende klar. (…)

Am Ende bekam er die geforderten fünf Millionen und ist in Sevran populärer denn je. Davon können die Warmduscher im Hagener Rathaus nur träumen.

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