Griechenland retten – Europa gestalten

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Auswirkungen der Krise auf Menschen und Ökonomie

Dienstag, 15.05.2012, 19.00 – 21.00 Uhr
Rathaus an der Volme, Trauzimmer des Standesamts (sic!), Rathausstr. 13, Hagen

Durch die aktuellen Berichterstattungen wird die deutsch-griechische Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Die Krise hat Auswirkungen auf das tägliche Leben der Menschen hier wie dort. Dies führt zu Missverständnissen und Diskussionen.

Dabei gilt es, das Zusammenspiel der Wirtschaft, der Banken und der Politik zu verstehen und nachzuvollziehen. Zusätzlich sind auch die unterschiedlichen Blickwinkel von EU-Kommission, Nationalstaaten, der Euro-Zone, der Regierung Griechenlands, aber auch der betroffenen griechischen Bevölkerung in die Beurteilung der Lage mit einzubeziehen.

Diese schwierige Gesamtlage wird Dr. Stamatis Lymperopoulos aus dem historischen Kontext erläutern, während Prof. Dr. Rudolf Hickel als Wirtschaftswissenschaftler die Ursachen aus ökonomischer Sicht erklärt und dabei auch Perspektiven aus der Krise vorstellt.

Zum Thema siehe auch: eine aktuelle Lagebeschreibung von Niels Kadritzke, Redakteur bei Le Monde diplomatique, Berlin. Seine Analysen zu Griechenland sind regelmäßig nachzulesen auf www.nachdenkseiten.de. Auszug:

Griechische Stimmen

Früher hat jeder aussichtsreiche Bewerber für das griechische Parlament (Vouli genannt) auf Wochen hinaus einen Laden gemietet, beflaggt mit Parteifahnen, voll mit Stapeln von Wahlbroschüren. Diesmal sparten sich die Kandidaten die Miete, die sie vom Privatkonto finanzieren mussten. Zum einen aus Angst vor den Glaserrechnungen, denn die Büros hätten die Wutbürger angezogen wie der Honigtopf die Bienen. Zum anderen weil so ein Ort nutzlos geworden ist. Im Kandidatenladen konnte der Wähler seinen künftigen Abgeordneten aufsuchen und die Gegenleistung für seine Stimme aushandeln: einen Auftrag für seinen Kleinbetrieb, eine Stelle für den Sohn beim staatlichen Stromversorger, eine Empfehlung für die Tochter an den parteinahen Universitätsprofessor. Das spielte sich keineswegs im Geheimen ab. Jeder konnte sehen, wer mit wem ins Geschäft kam oder kommen wollte.

Die öffentliche Kontaktzone zwischen Volk und Volksvertreter war die Kernzelle des Klientelsystems – solange es Aufträge und Posten zu verteilen gab. Seit Stellen im öffentlichen Sektor nicht mehr besetzt, sondern gestrichen werden, ist der Klientelismus tot oder doch auf dem Weg ins verdiente Grab. Im Gegensatz zu seinen politischen Trägern: Die beiden Systemparteien Pasok und Nea Dimokratia (ND), die in den letzten dreißig Jahren abwechselnd regiert und den Klientelstaat zu voller Blüte gebracht haben, wurden bei den Wahlen vom 6. Mai drakonisch abgestraft. Vergebens verdammten sie im Wahlkampf das alte System, als wäre es nicht der Speck gewesen, in dem sie wie die Maden gediehen waren. Im Ton höchster Empörung rechneten Pasok und ND einander die Anzahl der Staatsbediensteten vor, die sie als Regierungspartei eingestellt haben. Die Wähler rieben sich die Augen: Die alten Klientelparteien prügeln sich um die Siegerpalme im Kampf gegen den Klientelismus. (…)

Warum sind die kommunistische KKE, die linkssozialistische Syriza (Koalition radikaler Sozialisten) und die linkssozialdemokratische Dimar (Demokratische Linke), die übereinstimmend die „Memoranden“ ablehnen und die Systemparteien attackieren, zu einer Allianz weder bereit noch fähig? Das hat vor allem zwei Gründe. Der erste heißt KKE. Die griechischen Kommunisten sind ein Unikum in Europas Parteienlandschaft. Ein vergleichbares marxistisch-leninistisches Fossil ist anderswo höchstens als Sekte anzutreffen. Die KKE aber ist eine Kaderpartei mit Massenanhang, schlagkräftigen eigenen Gewerkschaften und einer in Erz gegossener Ideologie, deren Führungsanspruch jedes faire Bündnis mit anderen Parteien ausschließt.

Der zweite Grund ist die Eurofrage. Die KKE sieht im Euro ein Instrument der EU, die ohnehin nur die Interessen der Monopole repräsentiert. Sie fordert deshalb den Austritt aus der Eurozone und der Union. Da es für den Beitritt zur Sowjetunion zu spät ist, präsentiert sie als „antimonopolistischen Ausweg“ die Rückkehr zur Drachme. Für die beiden anderen Linksparteien ist das ein Horrorszenario. Sie wollen, dass Griechenland unbedingt in der EU und der Eurozone verbleibt, und versuchen im Bündnis mit anderen linken europäischen Kräften ein alternatives, auf Wachstum setzendes Programm zur Überwindung der Krise durchzusetzen.

In der Währungsfrage sind sich die nichtkommunistischen Linksparteien mit weiten Teilen der Bevölkerung einig. Laut Umfragen wollen 75 Prozent der Befragten alles tun, um in der Eurozone zu bleiben. Sie verstehen genau, dass die Rückkehr zu einer abgewerteten eigenen Währung (die Argentinien angeblich gerettet und aus den Krakenarmen des IWF befreit hat) im Fall Griechenland nicht funktionieren würde. Alle seriösen griechischen Ökonomen sind sich darin einig, dass ihr Land mit einer billigen Drachme noch lange kein Argentinien wäre, das sich nur – und mühsam genug – mit Rohstoffexporten zu steigenden Weltmarktpreisen sanieren konnte. Die Rückkehr zur Drachme würde vielmehr den Zusammenbruch der griechischen Banken auslösen, während die inflationäre Währung die unentbehrlichen Importe und damit auch das Leben extrem verteuern würde. Vor allem aber würde der Abschied vom Euro den Ausverkauf des Landes zu Schleuderpreisen einleiten. Die Profiteure wären unter anderem die Griechen, die ihre Euro-Schätze im Ausland gebunkert haben. Und natürlich die internationalen Hedgefonds und Tourismuskonzerne. Die Rückkehr zur Drachme wäre die Einladung zur gewaltigsten Vermögensumverteilung der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Dass ausgerechnet die griechischen Kommunisten einen solchen Raubzug der „Euro-Plutokraten“ ermöglichen wollen, war in diesem babylonischen Wahlkampf die absurdeste Pointe. Da zeugt die Tatsache, dass die meisten linken Memorandumgegner am Euro festhalten wollen, von einem Realismus, der ihnen ansonsten oft abgesprochen wird. (…)

Quelle: Le Monde diplomatique

Eine Antwort to “Griechenland retten – Europa gestalten”

  1. drhwenk Says:

    Ein echter gricjhischer „Kairos“, Zeitraum der schicksalhaften weitreichenden Wegstellungenn, nicht nur „Chronos“artige Weiterschleichen der Uhrenzeiger. Wie weit Vertrauen und Praxis der alten, aus der Not der schlechten staatlichen und marktwirtschaftlichen, Regelungen erschütterbar sind,
    ist eine schwierige Frage.
    Es drohen immer viele ökonomische Existenzen unterzugehen, und „Kairos“ ist selten. Erz ist zu „Konfliktfällen“ geradezu fast erfunden worden. Historischer Scherz. Dss deutsche Medienbild des Griechenlandkonfliktes stellt alledings mehr ein Zerrbild dar. Selbstverständlich sollte die die Parteien weit links von der sozialdemokratischen PASOK ihre Mehreheit „unbedingt“ nutzen. Aber die Gefahr des „Ausbremsens“, „Verwässerns“ aller wirklichen Änderungen ist mehtr als titanenhaft groß.

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