Günther Quandt und die Accumulatoren Fabrik AG in Hagen

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19. Januar 2012, 19.30 Uhr
Historisches Centrum Hagen

Referent: Prof. Dr. Joachim Scholtyseck

Nach dem Ersten Weltkrieg gelang dem märkischen Textilunternehmer Günther Quandt ein geradezu atemberaubender Ausbruch aus der Provinz. Er nahm die Chancen der Inflationszeit konsequent wahr, um durch Spekulationen und kluge Finanzinvestitionen seinen Besitz zu erweitern und zu konsolidieren.

Dies gelang 1922 besonders durch den Einstieg beim größten deutschen Produzenten von Akkumulatoren, der von Hagen und Berlin aus weltweit operierenden Accumulatoren-Fabrik (AFA). Die Beteiligung, die noch in den 1920er Jahren zum Mehrheitsbesitz ausgebaut wurde, bedeutete den Aufstieg zum Großindustriellen und war die Eintrittskarte in den prosperierenden und zukunftsträchtigen Weltmarkt der Elektrobranche.

Die Produktionsstrukturen der AFA wurden nicht grundlegend geändert, und die Rationalisierungen und Modernisierungen, die nicht nur in Deutschland die Stellung als unbestrittener Marktführer sicherten, beruhten auf Strukturen, die lange vor 1922 eingeführt worden waren, von Quandt jedoch gepflegt und ausgebaut wurden. Der Erfolg setzte sich in der Zeit des Nationalsozialismus ungebremst fort.

Quandt lernte allerdings auch die Unwägbarkeiten der Diktatur am eigenen Leib kennen, zumal 1933 eine Zeit lang die Gefahr bestand, die AFA zu verlieren, als in Hagen und Berlin nationalsozialistische „Kommissare“ versuchten, Einfluss auf die Geschäftsleitung zu nehmen.

Als die AFA 1936 ein hochmodernes neues Werk in Hannover aufbaute, geriet das Werk Hagen zwar ins Hintertreffen, profitierte jedoch ebenfalls von Konjunkturaufschwung und Motorisierungstrend. Im Zuge der Aufrüstung wurde die Wehrmacht in immer größerem Umfang Kunde und im Krieg schließlich fast der einzige Abnehmer von Akkumulatoren und Batterien.

Durch die ebenso große wie unberechtigte Sorge vor Konkurrenten angetrieben, blieb die AFA auf dem Batteriesektor nach 1939 europaweit fortwährend um Zukäufe und Beteiligungen auf freiwilliger bzw. erzwungener Basis bemüht. Als Lieferant der Wehrmacht beschäftigten die AFA-Werke im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.

Nach 1945 wurde zwar das AFA-Werk Hannover zum Zentrum des Wiederaufstiegs der Quandt-Firmen, aber Hagen blieb dank seiner Techniker, Ingenieure und Forschungsabteilungen ein wichtiger Baustein des „Wirtschaftswunders“ in der Bundesrepublik.

Der Referent, Prof. Dr. Joachim Scholtyseck, ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn. Im Herbst 2011 erschien sein Buch „Der Aufstieg der Quandts. Eine deutsche Unternehmerdynastie“ (C. H. Beck: München 2011).

Der Vortragsabend wird finanziert und gefördert durch den Verein Pro Stadtgeschichte Hagen e.V.

Infos: Historisches Centrum Hagen

2 Antworten to “Günther Quandt und die Accumulatoren Fabrik AG in Hagen”

  1. degree37celsius Says:

    Die Politik erachtete es der ach so armen Familie Quandt für unzumutbar, die in Hagen hinterlassene Altlast (Bodenbelastung) im Rahmen einer Eigentümer-/Verursacherhaftung sanieren zu müssen. Demnächst wird auf Steuerzahlerkosten im Rahmen der Bahnhofshinterfahrung die Wehringhauser Altlast zwar nicht beseitigt, aber wenigstens „verkapselt“. In Hagen existieren etliche solcher Industriebrachen, die aufgrund von Altlasten nicht wirtschaftlich vermarktbar sind.

  2. Allan Quatermain Says:

    Schönen Zweiteiler:

    „Als Lieferant der Wehrmacht,
    beschäftigten die AFA-Werke im Zweiten Weltkrieg
    Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.“

    Ich hoffe, das kommt in diesen Vortrag zu diesen
    Hagener Industriellen nicht zu kurz.

    Auch die Spannende Antworten zu diesen Fragen,
    wieviele dieser „Unwürdigen“ Arbeiter dabei ihr Leben ließen,
    auch wo diese Arbeiter bei den Bombenangriffen untergebracht waren? ( Ich weiß es, wo und wie!)

    Das die Siegermächte und die Regierung Adenauer solche
    Industriellen nach dem Tausendjährigen Reich brauchten,
    dürfte ja bekannt sein.

    Auch die Wiedergutmachung dürfte sich bei der Gerichtsbarkeit der fünfziger und sechziger Jahre im Promillebereich bewegt haben.
    Deutschland als Natopartner brachte diesen U-Boot – Batterienfabrikanten in die Ehe mit ihren Neupartnern einfach mit.
    Und bei Quandts, wie bei so vielen Expartnern der Braunen Sippe,
    ging es wieder steil Bergauf.

    Die waren nie von der Bildfläche verschwunden.
    Was man von den Opfern dieser Industriellenfamilie nicht behaupten kann!!!!

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