Ein gefährlicher Flirt

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Der kleinste Zweifel an der Unersetzlichkeit der Kunst in Museen ist gefährlich. Die Stadt Hagen hat mit Gerüchten für Unruhe gesorgt. Das ist fatal, denn der Markt will Spitzenwerke.

Von Rainer Stamm

Um Löcher im städtischen Haushalt zu stopfen, wird in der westfälischen Stadt Hagen wieder über den Verkauf von Kunstwerken nachgedacht. Die aktuellen Überlegungen reihen sich damit ein in eine in Deutschland vermutlich einzigartige Geschichte von Kunstverlusten, die gerade in dieser Stadt, in der Karl Ernst Osthaus 1902 das Folkwang-Museum gegründet hat, eine tragische Kontinuität hat.

Der Verkauf der Folkwang-Sammlung nach dem Tod des Museumsgründers 1921 ist hinreichend beklagt worden. Im kulturellen Selbstbewusstsein der Stadt hat dieser Aderlass eine tiefe Narbe hinterlassen. Weniger bekannt ist, dass das von Henry van de Velde ausgebaute Folkwang-Gebäude nach dem Abzug der Sammlung sorglos dem Energieversorger der Stadt als Verwaltungssitz überlassen wurde, bevor es von 1955 an wieder als Museum genutzt wurde. Die originale Ausstattung von van de Velde und Peter Behrens ist damit weitgehend verloren. (…)

Auch in der Nachkriegszeit wurde die Geschichte der Hagener Kunstverluste aktiv fortgeschrieben: 1954 veräußerte die Stadt das wandfüllende, 1908 für den Hohenhof erworbene Gemälde „Herbst vor Paris“ von Édouard Vuillard. Es hängt seither im Los Angeles County Museum; und noch 1998 verkaufte der damalige Direktor Michael Fehr Gerhard Richters enigmatisch verdoppeltes „Seestück (See-See)“ von 1970, das 1971 vom Förderverein des Museums angekauft worden war. (…)

Wenn es stimmen sollte, dass der Verkauf des Hodler-Gemäldes aus dem Hagener Hohenhof – und damit des letzten mobilen Kunstwerks von europäischem Rang aus diesem Gesamtkunstwerk – in der Nothaushaltskommune Hagen ernsthaft erwogen wurde, käme das einer Bankrotterklärung für den „Hagener Impuls“ gleich, mit dem sich die Stadt gerne schmückt. Ein Antrag auf Eintrag des Hohenhofs in die Weltkulturerbeliste wäre damit Makulatur und würde grotesker unterlaufen, als es Hochhausbauten oder eine Waldschlösschenbrücke in Köln oder Dresden imstande waren.

Solange die Museen und ihre Träger an dem Tabu, die Spitzenstücke aus ihren Sammlungen zur Disposition zu stellen, öffentlich nur den kleinsten Zweifel aufkommen lassen, brauchen sie sich über begehrliche Angebote des Kunsthandels nicht zu wundern. Und wenn Museumsdirektoren in abfedernder Reaktion auf die Gelüste mancher Kämmerer stattdessen auf Depots voller Arbeiten verweisen, „die niemand je wieder ausstellen würde“, so ist das ebenfalls Augenwischerei. Denn diese Werke sind es ganz sicher nicht, deren Verkauf den Tabubruch lohnen würde.

Rainer Stamm ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg und in Hagen aufgewachsen

Quelle: FAZ

Anmerkung: Im Rahmen dieser Debatte jaulten bei der letzten Ratssitzung Vertreter der CDU und ihres gelben Wurmfortsatzes auf, als eine Vertreterin der grünen Fraktion darauf hinwies, dass schon in der Vergangenheit seitens der Stadt kulturelles Tafelsilber verscherbelt wurde. Die konservativen Kreise spielen sich gerne als kulturbeflissen auf, bei näherem Hinsehen bleibt allerdings nicht viel Substanz übrig.

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