Kriminelle Überlegung

by

Ferdinand Holders großformatiges Gemälde „Der Auserwählte“ soll aus dem Vestibül des Hagener Hohenhofs ausgebaut und an Christie’s zur Auktion gegeben werden. Oberbürgermeister Jörg Dehm überraschte die Fraktionsvorsitzenden der im Stadtrat vertretenen Parteien am Donnerstag mit der Nachricht, ihm läge bereits eine Schätzung über 10 Millionen Euro vor.

So berichtet es die Süddeutsche Zeitung in ihrer Samstagsausgabe und bewertet diese Überlegung aus der Etage des von der Hagener CDU aus Mülheim eingeflogenen Verwaltungschefs – sollte sie denn realisiert werden – als „kriminell“. Wohl wahr.

Es herrscht in der deutschen Museumslandschaft bisher das ungeschriebene Gesetz, dass Kunstwerke aus öffentlichen Sammlungen nicht verkauft werden. Aber Hagen hat schon in der Vergangenheit dagegen verstoßen. Ende der neunziger Jahre hielt es der seinerzeitige Direktor des Karl-Ernst-Osthaus-Museums, der unselige Dr. Michael Fehr, für angebracht, ein „Seestück“ von Gerhard Richter versteigern zu lassen. Das war der Sündenfall, auf den sich Dehm jetzt berufen kann.

Die offizielle Begründung für die Veräußerung war die Behauptung Fehrs, das Richter-Werk passe nicht in die Sammlung des KEO. Ein irrlichternder Befund schon damals. Erst recht aus heutiger Sicht, wenn man bedenkt, dass Gerhard Richter einer der bedeutsamsten (und teuersten) Maler der Gegenwart weltweit ist. Fehr hatte das „Seestück“ schwer unterschätzt, bei der Versteigerung wurde ein mehrfaches des angenommenen Preises erzielt. Nicht unbedingt eine Bekräftigung der fachlichen Kompetenz des promovierten Museums-Leiters.

Jetzt soll also zum Generalangriff auf das kulturelle Erbe der Stadt Hagen geblasen werden. Im Fokus dabei: der Hohenhof, von Anfang an als Gesamtkunstwerk geplant und somit nicht nach Belieben zerlegbar. Das scheint der Verwaltungsspitze nicht bewusst zu sein, oder es ist ihr schlichtweg egal. Schon wurden die ersten Privatisierungsmodelle für den Hohenhof lanciert. So sollte die ehemalige Osthaus-Villa in einen Hotelkomplex eingebunden werden, für den gleich ganze Teile des benachbarten Buchenwäldchens abgeholzt werden müssten. Andere Überlegungen zielen auf die Ausweisung eines Baugebiets für Luxusvillen ab.

Da sich in einer Stadt wie Hagen die Nachfrage für beide Modelle eher in Grenzen halten dürfte, sondiert der Rathausapparat offensichtlich schon mal Alternativen, um Geld flüssig zu machen: die scheibchenweise Verhökerung von Kulturgut. Wenn nicht sofort, dann vielleicht später.

Die Süddeutsche zitiert dazu den städtischen Pressesprecher mit den Worten, der Verkauf des Hodler-Gemäldes sei „aktuell kein Thema“. Im Klartext: Nicht sofort, aber vielleicht nach vollzogener Privatisierung. Der Direktor des Osthaus-Museums, Taifun Belgin, dessen Haus der Hohenhof untersteht, wiegelt Auktionsabsichten ebenfalls ab.

Ein wenig Hoffnung, dass der Ausverkauf städtischen Kulturguts in Hagen wenigstens in diesem Fall gestoppt werden kann, vermittelt momentan nur das Westfälische Landesamt für Denkmalpflege. Dort weist man daraufhin, dass das Gemälde Bestandteil des Gesamtkunstwerks Hohenhof ist. Eine Entfernung sei demnach eine „erlaubnispflichtige Maßnahme, die nicht erlaubnisfähig ist“.

Wollen wir hoffen, dass das so bleibt.

2 Antworten to “Kriminelle Überlegung”

  1. Dirk Pannwitz Says:

    In Hagen sind Kulturverbrecher am Werke! Das beschränkt sich nicht nur auf die Kunst. Auch das Theater und die Geschichtsmuseen, die Identität unserer Stadt, sollen ausgeplündert und zerstört werden.
    Es wird Zeit, dass die Hagener Bürger endlich aufstehen und sich gegen den Ausverkauf unserer Vergangenheit und Zukunft zu wehren.

  2. D. F. Says:

    Wenn man nichts anderes gelernt hat, außer kleinkariertes Beamtentum gehobener Natur, um dann seinen Weg in höhere Gefilde einzuschlagen, gehören Kultur, Geschichte, Kunst, Theater und vieles andere, das gehobene Bildung und Geist beeinhalten, eben nicht zu den Favoriten. Deshalb sitzt „man“ auch gerne bei Schlagerparaden und Volksmusikanten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: