Rückblende: Der Grundstücksskandal 1970

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Man mag es kaum glauben: Großkopfete von SPD und CDU samt ihrer Spannleute verzocken unterm Strich ca. 40 Millionen Euro und ihre Steigbügelhalter im Hagener Rat nicken am Ende alles ab. Energisches Vorgehen gegen solche Machenschaften – Fehlanzeige!

Im Gegenteil: Die Hauptverantwortlichen werden auch noch belohnt. Ex-Kämmerin Grehling übt für 120.000 Euro Jahressalär das gleiche Amt in Aachen weiter aus und der OB Demnitz darf sich in aller Ruhe seine Rentenansprüche sichern und erhält als Zugabe noch ein schönes Pöstchen bei der Landes-SPD.

Ein einmaliger Ausrutscher in Hagen? Von wegen!

Ein Blick zurück.

Es ist Anfang 1970. Der OB heißt Lothar Wrede, ist Sozialdemokrat und damals 39 Jahre alt. Das politische Milieu funktioniert wie geschmiert, man könnte auch sagen: es ist schmierig. Die Pöstchen werden brüderlich zwischen SPD und CDU aufgeteilt.

In dieser Situation betritt der Hagener Rechtsanwalt Dr. Adolf Voss die Bühne und eröffnet eine neue Sicht auf das Geflecht aus Politprominenz und Stadtbürokraten. Voss wirft den Funktionären vor, sie hätten ihre Beziehungen zur „Hagener Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft“ (heute: ha.ge.we) genutzt, um sich in Emst, einem der besten – und damit teuersten – Wohnviertel der Stadt „Grundstücke, von denen der Normalbürger nur zu träumen wagt, zu Spottpreisen unter den Nagel zu reißen“. Für SPD-Wrede nur ein „Racheakt“ des Juristen.

Die Grunstücksschiebereien beginnen 1962, als dem damaligen Vorstandsmitglied der „Elektromark“ (heute: Mark-E), Leo Rode, über die „Gemeinnützige“ ein Emster 2573-Quadratmeter-Baugrundstück zum Quadratmeterpreis von fünf Mark verschafft wird. Vier Jahre später verkauft der „Ehrensenator“ das Areal mit vierzehnfachem Gewinn und entschwindet nach Münster.

1966 kauft OB Lothar Wrede ebenfalls ein Emster Grundstück und ließ darauf eine Villa mit Hallenbad und Fernblick ins Sauerland errichten. Preis pro Quadratmeter: sieben Mark.

Die nächsten in der Reihe waren Oberstadtdirektor Steinbeck (CDU), Stadtbaurat Böhme (SPD) sowie Stadtrat Siebert (SPD) und Sparkassendirektor Sternberger. Steinbeck und Böhme waren gleichzeitig Geschäftsführer der „Gemeinnützigen“. Sie verkauften also quasi an sich selbst. Keiner zahlte mehr als sieben Mark pro Quadratmeter.

Da wollte der HGW-Hauptgeschäftsführer nicht abseits stehen. Willi Deichmann erwarb – ebenfalls von sich selbst – ein knapp 2000 Quadratmeter großes Grundstück mit Einfamilienhaus für (auch damals schlappe) 31.000 Mark. Das entsprach einem Bodenpreis von nicht einmal vier Mark.

Die Reaktion der Stadtratsmehrheit war auch damals schon so, wie man das heute kennt. OB Wrede wurde aufgefordert, er solle die HGW dazu bewegen, sich quasi selbst zu kontrollieren. Weiter hatte der Stadtrat, das Kontrollgemium für die Geschäfte der HGW, nichts zu bemängeln.

Auf einer außerordentlichen Delegiertenkonferenz der Hagener SPD im Januar 1971 stellte Wrede seinen Genossen die Vertrauensfrage, erzielte aber keine Mehrheit und trat zurück.

Wrede stürzte zwar als OB über diesen Deal, blieb aber Mitglied des Deutschen Bundestages und stieg 1976 sogar zum Parlamentarischen Staatssekretär auf. Auch die anderen Profiteure durften fröhlich weiterwurschteln.

Stadtbaurat Böhme (SPD), der ebenfalls von den windigen Geschäften profitiert hatte, gab später, am Tag nach seiner Pensionierung, das Parteibuch zurück. Er hatte ja seine Schäfchen im Trockenen.

Eine Antwort to “Rückblende: Der Grundstücksskandal 1970”

  1. Pjotr Says:

    Rechtsanwalt Dr. jur. Adolf Voss war auch Notar und wurde nach Offenlegung des Skandals von der Stadt Hagen nicht mehr beauftragt.

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