Heiße Kiste an der Johanneskirche

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Die Stadtverwaltung plant, den – angeblich baufälligen – Pavillon am Johanneskirchplatz durch eine „Einzelhandels- bzw. Gastronomiefläche“, wie es in der Beschlussvorlage heißt, „aufzuwerten“. Am kommenden Dienstag soll die BV Mitte das Vorhaben abnicken. Hinter der Planung verbirgt sich eine Weiterentwicklung der Fritten-Container-Architektur, Modell „Heiße Kiste“.

Jahrzehntelang wurden in dem 50er-Jahre-Pavillion Fahrkarten der Hagener Straßenbahn verkauft. Dann wurde die Verkaufsstelle aufgegeben, die Flächen an wechselnde Betreiber vermietet. Das Objekt verkam zusehend, steht heute leer und bietet ein jämmerliches Bild. Insgesamt ist die städtebauliche Situation an dieser Stelle unbefriedigend. Es besteht also zweifellos Handlungsbedarf.

In der jüngsten Vergangenheit wurden verschiedene Lösungsansätze für diesen Bereich am Märkischen Ring präsentiert, die sich aber alle als nicht umsetzbar herausstellten – aus durchaus unterschiedlichen Gründen. Jetzt bringt die Verwaltung (federführend: Servicezentrum Wirtschaft) einen neuen Vorschlag ein, den die BV Mitte in ihrer Sitzung am kommenden Dienstag absegnen soll: Eine Baracke in ihrer zeitgemäßen Form, von Fachleuten auch beschönigend „temporäre Architektur“ genannt.

Auf Wunsch der Bezirksvertretung verhandelt der Fachbereich Immobilien, Wohnen und Sonderprojekte derzeit über einen Pachtvertrag. Dieser Vertrag beinhaltet ein pächterseitiges Sonderkündigungsrecht nach dem 1. und nach dem 5. Jahr, das ggfs. aus wirtschaftlichen Gründen geltend gemacht werden kann.

Im Klartext: Es ist durchaus möglich, dass das Problem schon nach einem Jahr wiederum auf der Agenda steht. Für den Verhandlungspartner der Verwaltung, die Dortmunder Shopunits GmbH, kein Problem. Weist doch das Unternehmen auf seiner Homepage darauf hin:

Der ShopCUBE ist für den dauerhaften Einsatz entwickelt aber zugleich völlig mobil (Ab- bzw. Aufbau = 1 Tag). Bei Bedarf kann der Shop inkl. Inventar einfach umziehen! So besteht ein erhebliches Maß an Investitionssicherheit!

2 Antworten to “Heiße Kiste an der Johanneskirche”

  1. Kai aus der Kiste Says:

    Es liegt wie Mehltau über dieser Stadt …

    Neben der Überschuldung, der Qualität der Führungs- und Kandidatenpersönlichkeiten, der sozialen Not und vielem anderen gibt es seit Jahrzehnten eine weitere spezifisch Hagener Problematik: Das Verkommen des Stadtbildes und eine unsäglich miese Art und Weise der Stadtplanung, Bauerhaltung und Erneuerung.

    Dieser Pavillion ist nicht das einzige Beispiel. Völlig unkommentiert von der Hagener Publizistik wurde beim Aufwerten des „Blauen Hauses“ durch Abriß und Umbau ein wunderschönes expressionistisches Fassadenfragment aus Backstein, erstellt 1920, zerstört und durch eine dümmliche Ersatzklinkerwand ersetzt….

    An der Schwenke: ein Höhepunkt der Architekturqualität der späten siebziger verkommt…

    Das Haus von Mark E, eigentlich ein hervorragendes Bauzeugnis der fünfziger, durch meterhohe blecherne Entlüftungskanäle entstellt …

    Das „aufgewertete“ ehemalige Quelle Kaufhaus – ebenfalls auf der Kippe zum Leerstand, ein Ort der Öde und Langweile und Häßlichkeit ..

    • ws Says:

      Ein großer Teil der 20er-Jahre-Fassade des Blauen Hauses wurde schon beim Umbau zum Stadtwerke-Hauptquartier zerstört. Daß noch nicht einmal der Rest zu retten war, kann Zufall gewesen sein – muß aber nicht. Wie das Beispiel des alten Kölner Messegeländes zeigt, lassen sich wesentlich voluminösere Gebäude entkernen, ohne die Fassade zu zerstören.

      Die Jahre zwischen Hyperinflation und – wie aktuell – Weltwirtschaftskrise (1924-1928) sind für den genossenschaftlichen Wohnungsbau und Gebäude der öffentlichen Versorgung und Verwaltung äußerst produktiv und kreativ genutzt worden. Selbst in Hagen, wenn auch damals schon gegen den erbitterten Widerstand der politischen Rechten im Stadtrat.

      Übrigens: Sechs Berliner Siedlungen dieser Zeit (u.a. die „Hufeisensiedlung“ von Bruno Taut) sind vor wenigen Tagen von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Aber mit Kultur hat man sich in unserer Stadt schon immer schwer getan.

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