Die Vertafelung der Gesellschaft

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Zu den unabänderlichen Grundsätzen unserer Verfassung zählt das Sozialstaatsgebot in Art. 20 GG. In der Praxis wird dieses immer mehr durch ein Almosensystem nach US-amerikanischem Vorbild ersetzt. Auch in Hagen.

Das System der Tafeln, Warenkörbe, Sozialkaufhäuser etc. hat einen zwiespältigen Charakter: Unbestritten ist sicherlich, daß die dort tätigen Ehrenamtlichen eine anerkennenswerte Arbeit leisten. Im guten Glauben daran, bedürftigen und armen Menschen in unserer Gesellschaft , deren Zahl leider aufgrund der kapitalhörigen Politik in den letzten Jahren ständig angestiegen ist, einen guten Dienst zu leisten.

Die Nachfrage ist da – und sie steigt weiter. Der „Warenkorb“ der Caritas in Wehringhausen öffnet um 16:00 Uhr, aber schon zwei Stunden vorher drängeln sich die Menschen auf dem Bürgersteig vor dem Ladenlokal. Inzwischen gibt es wegen der starken Nachfrage eine zweite Einrichtung der Caritas in Boele, die zusätzlich einen Kleiderladen beherbergt.

Die Idee ist auf den ersten Blick bestechend: Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum naht, werden nicht mehr weggeschmissen, sondern sozialen Einrichtungen zur Verfügunggestellt und über diese an Bedürftige verschenkt oder zu kleinstem Preis abgegeben. So weit – so gut?

In Wirklichkeit ist die Explosion dieses Almosensystems eine Schande für eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt. Seit der Einführung von Hartz IV bzw. sogenanntem „Arbeitslosengeld II“ hat sich die Anzahl der Tafeleinrichtungen in Deutschland auf 800 verdoppelt. Die Schlangen vor derartigen Ausgabestellen belegen: Hartz IV reicht zum Leben nicht aus, während das Volkseinkommen ständig wächst, aber überwiegend in die Taschen von Aktionären und Managern fließt.

Die Supermärkte, die vermeintlich so großzügig spenden, sparen Entsorgungskosten und Steuern. Dafür fahren sie in der Öffentlichkeit Image-Gewinne ein. Die Unternehmensberatung McKinsey berät den Bundesverband der Tafeln – sicherlich nicht uneigennützig. Die eifrigsten Verfechter des Neoliberalismus fördern diese kostengünstige (und steuersparende) Verköstigung der Armen besonders. Federn sie doch die unsozialen Folgen des Kapitalismus ab und moblisieren gleichzeitig die – kostenlose – Arbeitskraft von Ehrenamtlichen. So lassen sich im gleichen Atemzug leicht noch weitere Steuer“erleichterungen“ fordern, da ja die Sozialsysteme durch Almosen entlastet werden.

Propagandistisch gestützt wird diese Umschichtung von Medien, die in großer Aufmachung über die Aktivitäten von Rotary-, Lions- und anderen Clubs nach US-amerikanischem Vorbild berichten. Strategisch wird dort die Aushöhlung des grundgesetzlich garantierten Sozialstaatsgebots und die Ersetzung desselben durch Suppenküchen vorangetrieben.

So unterstützt der Rotary-Club Hagen u. a. die jährliche Weihnachtsfeier des CVJM für Obdachlose und sozial Schwache. Eine irgendwie geartete Kritik am neoliberalen System oder der „Reform“politik der vergangenen Jahre war und ist – natürlich – von dort nicht zu vernehmen. Ähnliches gilt für den Lions-Club.

Bei allem Respekt vor der Leistung der ehrenamtlich tätigen Menschen: die Existenz von Suppenküchen, Sozialkaufhäusern u.ä. ist eine Art „Second Life“ – eine Parallelwelt der Armutsbevölkerung. Eine Schande für die Republik.

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